Sonntag, 26. März 2017, 11:30 Uhr - Vortragssaal im Historischen Museum

24. Grüner Salon in Bielefeld: Russland - Politik und Zivilgesellschaft

Vorträge und Diskussion mit Elena Stein (Center for Independent Social Search Berlin) und Johannes Voswinkel (Heinrich-Böll-Stiftung Moskau)

 

Demokratie nicht mehr erwünscht ?     -     Der Zustand der Zivilgesellschaft in Russland

 

Notizen nach der Veranstaltung

 

Johannes Voswinkel (Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung Russland) :

Das Gesamtbild der russischen Politik sei geprägt von Nationalismus, Staatsreligion, Populismus, Korruption, Klientelwirtschaft und einer großen Portion Zynismus. Regiert werde halbautoritär und „flexibel“ : unterdrückt würden missliebige Tendenzen hier und dort, willkürlich und daher unvorhersehbar, was die Bevölkerung in Ungewissheit und Ruhe halten soll. Der Vertrag zwischen ihr und den Mächtigen – so es ihn gibt – laute : „Ihr lebt gut, besser als jemals zuvor, dafür sorgen wir – also lasst uns machen.“ Die Rückführung der Krim habe den Leuten Selbstbewusstsein zurückgegeben. Das „Durch-Regieren“ wird gestützt durch einen weiteren Ausbau der Macht-Vertikale, durch Kaderpolitik und junge loyale, technokratische Erfüller – auch in den Gouvernements (im Staatsapparat oder im Sicherheitsdienst zu arbeiten, gelte als attraktives Berufsziel). Die Medien würden beherrscht von den staatlich kontrollierten Kanälen. Eine stringente Ideologie gebe es nicht, es handele sich eher um einen nur rudimentär vorhandenen Baukasten, aus dem man sich von Fall zu Fall je nach Bedarf bediene. Seit den Jahren 1999/ 2000 gelte Russland als krank, man habe ihm damals einen Gips angelegt – und ihn nicht wieder abgenommen.

Das Ziel ist der Machterhalt, Putin solle bei der Präsidentenwahl 2018 als alternativlos erscheinen. Kurze Interventionen wie die zuletzt von Navalnyj würden als „Frischzellenkur“ strategisch zugelassen, seien aber keinesfalls Anzeichen von Tauwetter, im Gegenteil: es werde gerade eher noch um Grade kälter. In der Außenpolitik würden die USA weiterhin als Counterpart wahrgenommen, und dies als ein Mittel der Innenpolitik. Die EU zu schwächen sei als Ziel erkennbar, um dann jeweils bilaterale Beziehungen etablieren zu können. Der Vektor nach Asien sei keine Alternative für die russisch-europäischen Beziehungen.

In der Wirtschaft sei die Talsohle durchschritten, der Wohlstand sei beträchtlich, aber die Wirtschaft sei nicht reformiert – denn das wäre gleichzeitig eine Gesellschaftsreform. Bei der Frage nach den Auswirkungen der Sanktionen müsse man zugeben, dass der Armutsanteil in der Bevölkerung steige, die Landwirtschaft aber sei dabei, wiederbelebt zu werden. Problemzonen seien die Rinderzucht und in der Industrie der Pharma-zweig. Grundsätzlich seien die Sanktionen wichtig, erwiesen sich aber als Sackgasse.

Insgesamt seien die Krisenmerkmale aber nicht zu übersehen: in der Beziehung der Bürger zum eigenen Staat, im „Geschichtsbrei“ in den Köpfen, der immer wieder neu an- und umgerührt werde . . . .


 14.04.2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau v. Savigny (rechts) und Frau Gruner, Juni 2016 im Haus und Atelier des Künstlerehepaars Traute und Gottfried Gruner in Rexingen bei Horb
am Neckar.

Traute Gruner ist die Witwe von Gottfried Gruner, der während des Krieges Aquarelle von W. Novgorod vor Ort gemalt hat, die jetzt in Bielefeld beheimatet sind.

 

….und die Geschichte, die dahinter steht

 

Der Kontakt mit Frau Gruner begann im Sommer 2012, als die Künstlerin nach dem Tod ihres Mannes den Nachlass ihres Mannes geordnet und sich überlegt hatte, wer in Deutschland wohl Interesse für die frühe Aquarellserie haben könnte, die ihr Mann 1942 und 43 als 19-Jähriger in der russischen Stadt Nowgorod am Wolchow nicht nur gemalt, sondern auch unversehrt aus dem Krieg mit in die Heimat gebracht hatte. Sie schickte brillante Fotos der Aquarelle an die Stadtverwaltung Bielefeld, die sie wiederum an die Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod weiterreichte.

Im Herbst 2013 war es nach langem Briefwechsel mit Traute Gruner endlich soweit, dass die 12 Aquarelle- eins der Mitglieder aus dem Vorstand hatte sie eigenhändig in seinem Privatauto bei der Künstlerin abgeholt – in einem der Sitzungssäle des Bielefelder Rathauses für die Dauer eines Jahres aufgehängt wurden. Frau Gruners Absicht, die Bilder en bloc zu verkaufen, blieb aber ohne Erfolg. Nach Ablauf des Jahres war die Situation unverändert.

Meine eigene Beziehung zu Nowgorod war in mehr als 30 Jahren schließlich so fest geworden, dass mein Mann und ich uns vor Jahresende dazu entschlossen, die Bilder selbst zu kaufen und zusammen aufzuhängen. Wenig später machte der inzwischen verstorbene frühere Vorsitzende und Nowgorod-Fan Dietrich Becker den Vorschlag, Motive der Bilder als Postkarten im Verein zu verteilen und vor allem auch den Nowgoroder Freunden zum Beispiel zu Weihnachten zu schicken.

Die Aktion war sehr erfolgreich und endete mit dem Beschluss, in Nowgorod baldmöglichst eine gemeinsame Ausstellung der Gruner-Aquarelle mit Bildern des bekannten russischen Malers I. Pustavoitjev zu organisieren. Das wäre ein wichtiges Signal in einer Zeit der sich verfestigenden Entfremdung zwischen den russischen und deutschen Partnern. Weitere Monate vergingen, in denen mit dem AA, dem deutschen Zoll, dem Nowgoroder Staatlichen Museum und deren Kontaktpersonen konkrete Schritte für die zeitweilige Ausfuhr und baldige und vor allem sichere Rückführung der Bielefelder Bilder beraten wurde. Schließlich zwangen die geplante Ausstellungseröffnung und das Flugdatum von Brunhild Hilf, die die Bilder erst nach St. Petersburg und dann weiter bis W.Nowgorod begleiten sollte, zum Handeln. Anfang Mai hingen die „frühen Gruners“ dann doch noch pünktlich während der Feiern zum Sieg über die Naziherrschaft für höchstens 2 Wochen neben den russischen Bildern. Hoffentlich haben einige 20 oder mehr Nowgoroder sich Gedanken über Kunst im Krieg und über Freund und Feind gemacht, bevor der deutsche Bilderanteil dann die Rückreise antrat - übrigens im Zusammenhang mit einer Delegation des Bielefelder OB Pit Clausen.