03.05.2017

Sonntag, 26. März 2017, 11:30 Uhr - Vortragssaal im Historischen Museum

24. Grüner Salon in Bielefeld: Russland - Politik und Zivilgesellschaft

Vortrag

 

 

30 Jahre Städtepartnerschaft Bielefeld - W. Novgorod

 

Als Vorsitzende des Kuratoriums Städtepartnerschaft Bi-WN bedanke ich mich für die Kooperation mit dem Trägerkreis des Grünen Salons, aus dessen Reihen diese Idee kam.

Ich möchte Ihnen hier in wenigen Zügen ein Porträt dieser Städtepartnerschaft skizzieren: es wird gehen um ihre Geschichte und Entwicklung und um aktuelle Kooperationen.

 

Ja, offiziell werden wir im September 2017 30 Jahre alt, inoffiziell – als Bürgerinitiative sind wir 4 Jahre älter. Es geht hier heute um die Zivilgesellschaft, und sie war es, genauer gesagt : ein kirchlicher friedenspolitischer Kreis, der mit einer Stadt in der atheistischen UdSSR eine Bruderschaft anstrebte – im Schatten der Beunruhigung durch die Nachrüstung, in einer Zeit der Krise – ist sie vergleichbar mit der heutigen?

Die Wahl fiel 1984 auf die alte Hansestadt Novgorod, die im Mittelalter lange ihre republikanische Unabhängigkeit gegenüber dem ersten Staat auf russischer Erde, der Kiever Rus`, behauptete. Sie ist 2000 km Luftlinie von OWL* entfernt.

 

Aufwind erhielt die Partnerschaft in der Zeit der Gorbimanie: Michail Gorbatschovs Perestrojka-Politik ließ sie blühen und gedeihen: begeistert äußerten sich die Germanistik-Dozenten an der Universität in WN darüber und sagten anlässlich einer Wahl : „Wir haben uns für die Demokratie entschieden, weil wir wissen, dass Ihr das von uns erwartet!“ Plötzlich schien uns das gleiche Gesellschafts- und Menschenbild zu verbinden; der Gedanke des Friedens und der Aussöhnung nach dem 2. Weltkrieg, der Freundschaft nach dem Ende des Kalten Krieges beflügelte die Pionierzeit der Beziehung.

Ein guter Nährboden war dabei immer die überaus großherzige russische Gastfreundschaft. Die ersten Abgesandten aus Bielefeld waren Pädagogen, dann Menschen, die das gleiche Hobby pflegen: Musiker, Tänzer, Schachspieler, Sportler – Neugierde und Freude am Erfahrungsaustausch beförderte die Entwicklung von Austauschprogrammen.Persönliche Freundschaften, ja eheliche Verbindungen sind so entstanden und dauern an.

 

Mancherlei ist heute städtepartnerschaftlicher Alltag: in guter Kooperation mit der Stadt Bi organisiert man das Hallenfuß-ballturnier um den Pokal des OB, bei dem seit 2014 die Novgoroder Mannschaft 3 mal siegte, behinderte russische Sportler nehmen an den bethel athletics teil, eine Reihe von Schulen betreibt regelmäßig ihre traditionellen Austauschprogramme, man lädt offizielle Delegationen ein zum Partnerschafts-Geburtstag, und die Bi´er FH und die Universität WN werden im Mai eine neue Kooperation unterzeichnen – business as usual? helle, heile, harmlose Verbindungen im Schatten der großen Politik? ohne deren Schatten?

Nein: osteuropäischeTeilnehmerInnen an der 4wöchigen Europaklasse des Bethel Gymnasiums äußerten jetzt, dass ihre Eltern sie nicht ohne Bedenken haben hierher fahren lassen : könnte es doch wahr sein, was das russische Fernsehen berichtet, dass das öffentliche Leben in Deutschland beherrscht werde von moralisch zweifelhaften Gruppen, insbesonders von Flüchtlingen, die die körperliche und seelische Integrität der jungen Menschen bedrohen.

Und die russischen Lehrer von Austauschgruppen halten ihre SuS dazu an, mit deutschen SuS nicht über Politik zu sprechen.

(Sind dies Früchte der sogenannten „hybriden“ russischen Kriegsführung, einer gezielten Desinformationskampagne des Kreml?)

 

Vor einem Jahr veröffentlichte die SZ einen Bericht darüber, dass mehr als 450 Titel aus russischen Bibliotheken entfernt und 53 sogar verbrannt worden seien, die mit Spendenmitteln des amerikanischen Milliardärs George Soros finanziert worden waren: Titel zumeist russischsprachiger Autoren. Soros förderte seit dem Ende der UdSSR Austauschprogramme, Stipendien für junge Menschen, die Bildung einer offenen Zivilgesellschaft. Im Januar d. J. sagte mir ein befreundeter Novgoroder Professor: Soros gelte nunmehr als Volksfeind.

 

Die Trägerin des Friedensnobelpreises für Literatur des J. 2015, die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexiewitsch, charakterisiert die Atmosphäre in dem Land Putins als „Kultur der Angst“, Hass liege in der Luft, Demokrat und Liberaler seien

zu Schimpfwörtern verkommen. - Und Untersuchungen des anerkannten Soziologen Jurij Lewada belegen, dass die Mehrheit der Bevölkerung Demokratie als von außen aufgezwungen erlebe.

 

Was können wir dagegen tun ? Ich nenne 2 Projekte:

 

1. Im Sommer 2014 entstand der Kontakt zur Gruppe „Novyj gorod“, „neue Stadt“, die engagiert und professionell ihre Stadt barrierefrei und fahrradfreundlich und umweltbewusst umgestalten möchte: 2 Vertreter kamen im August 2015 hierher und abgesenkte Bordsteinkanten, besichtigten die Müllverbrennung, dokumentierten die Kennzeichnung von Zebrastreifen und stellten anschließend zentral in WN ihre Bilder aus und dazu ihre Wünsche für die urbane Umgestaltung. Beharrlich und unbeirrbar treten sie kontinuierlich an die dortige Stadtverwaltung heran mit selbst erstellten Statistiken zu Unfallfolgen auf Zebrastreifen, mit Vorschlägen für Ruhezonen, Fahrradwege und Kinderspielplätze, veranstalten Demo`s mit Rollstühlen und Fahrradcorsi – z.B. gestern Abend zur Earth hour.

Ihr Vorgänger im Amt, lieber Herr Voswinkel, Jens Siegert nannte in einem Interview auf die Frage, welches Buch auf seinem Nachttisch liege: es sei Reinhard Kosellecks Dissertation „Kritik und Krise“ und er empfinde es als hoch aktuell: darin beschreibt Koselleck, wie im absolutistischen Deutschland des 18. Jh.`s Gruppierungen das Politikverbot dadurch umgingen, dass sie Geheimgesellschaften gründeten, in denen sie unbehelligt ihre Reformideen diskutieren konnten.

Wenn junge Menschen in WN unter dem Motto „Gemeinsam werden wir unsere Stadt menschenfreundlich umgestalten“ so beherzt daran gehen wie die Leute von „Novyj gorod“, so pflanzen sie Verantwortungsgefühl und Bürgersinn in die Herzen der Novgoroder.

Sie haben 2015 Veit Mette kennengelernt und ihn daraufhin im Mai 2016 eingeladen, seine Fotos der offenen und menschenfreundlichen Stadt am Teutoburger Wald zu zeigen – tausende von Bildern aus dem Stadtleben WN`s waren der Ertrag dieser Reise: 2 davon sind heute hier zu sehen, mehr davon werden im Rathaus anlässlich der Nachtansichten zu bewundern sein – und noch mehr Ende des Jahres im Historischen Museum.

 

2. Aus Bi geht seit 1 ½ Jahren etwa alle 10 Tage eine russischsprachige Reportage direkt über das lokale Radio „Slavia“ an die WN `er Bevölkerung, dringend gewünscht von der Chefredakteurin, wir geben damit Beispiele aus dem demokratischen Alltag einer liberalen Zivilgesellschaft - mit für uns bisher gültigen Werten wie Toleranz, Offenheit für Kritik und Reformen. Und die Hörer rufen an : sie vergleichen, fragen nach, vermissen die Sendung, wenn Pausen entstehen.

Das erklärte Ziel der Rundfunkjournalistin: ich möchte meinen russischen Mitbürgern zeigen, dass Ihr keine Monster seid. Wir Deutschen, wir Europäer.

Sind für uns mittlerweile unterschiedliche Werte gültig?

 

Kommunale Städtepartnerschaften hatten den Anspruch, mehr zu sein als eine Spielwiese für naive Idealisten und weltfremde Utopisten, und haben ihn immer noch.

 

Brunhild Hilf

 

* OWL - Ostwestfalen Lippe, dessen „Zentrum“ Bielefeld darstellt

 


Sonntag, 26. März 2017, 11:30 Uhr - Vortragssaal im Historischen Museum

24. Grüner Salon in Bielefeld: Russland - Politik und Zivilgesellschaft

Vorträge und Diskussion mit Dr. Elena Stein (Center for Independent Social Search Berlin) und Johannes Voswinkel (Heinrich-Böll-Stiftung Moskau)

 

Demokratie nicht mehr erwünscht ?     -     Der Zustand der Zivilgesellschaft in Russland

 

Notizen nach  dem Vortrag von Johannes Voswinkel (Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung Russland)

 

Das Gesamtbild der russischen Politik sei geprägt von Nationalismus, Staatsreligion, Populismus, Korruption, Klientelwirtschaft und einer großen Portion Zynismus. Regiert werde halbautoritär und „flexibel“ : unterdrückt würden missliebige Tendenzen hier und dort, willkürlich und daher unvorhersehbar, was die Bevölkerung in Ungewissheit und Ruhe halten soll. Der Vertrag zwischen ihr und den Mächtigen – so es ihn gibt – laute : „Ihr lebt gut, besser als jemals zuvor, dafür sorgen wir – also lasst uns machen.“ Die Rückführung der Krim habe den Leuten Selbstbewusstsein zurückgegeben. Das „Durch-Regieren“ wird gestützt durch einen weiteren Ausbau der Macht-Vertikale, durch Kaderpolitik und junge loyale, technokratische Erfüller – auch in den Gouvernements (im Staatsapparat oder im Sicherheitsdienst zu arbeiten, gelte als attraktives Berufsziel). Die Medien würden beherrscht von den staatlich kontrollierten Kanälen. Eine stringente Ideologie gebe es nicht, es handele sich eher um einen nur rudimentär vorhandenen Baukasten, aus dem man sich von Fall zu Fall je nach Bedarf bediene. Seit den Jahren 1999/ 2000 gelte Russland als krank, man habe ihm damals einen Gips angelegt – und ihn nicht wieder abgenommen.

Das Ziel ist der Machterhalt, Putin solle bei der Präsidentenwahl 2018 als alternativlos erscheinen. Kurze Interventionen wie die zuletzt von Navalnyj würden als „Frischzellenkur“ strategisch zugelassen, seien aber keinesfalls Anzeichen von Tauwetter, im Gegenteil: es werde gerade eher noch um Grade kälter. In der Außenpolitik würden die USA weiterhin als Counterpart wahrgenommen, und dies als ein Mittel der Innenpolitik. Die EU zu schwächen sei als Ziel erkennbar, um dann jeweils bilaterale Beziehungen etablieren zu können. Der Vektor nach Asien sei keine Alternative für die russisch-europäischen Beziehungen.

In der Wirtschaft sei die Talsohle durchschritten, der Wohlstand sei beträchtlich, aber die Wirtschaft sei nicht reformiert – denn das wäre gleichzeitig eine Gesellschaftsreform. Bei der Frage nach den Auswirkungen der Sanktionen müsse man zugeben, dass der Armutsanteil in der Bevölkerung steige, die Landwirtschaft aber sei dabei, wiederbelebt zu werden. Problemzonen seien die Rinderzucht und in der Industrie der Pharma-zweig. Grundsätzlich seien die Sanktionen wichtig, erwiesen sich aber als Sackgasse.

Insgesamt seien die Krisenmerkmale aber nicht zu übersehen: in der Beziehung der Bürger zum eigenen Staat, im „Geschichtsbrei“ in den Köpfen, der immer wieder neu an- und umgerührt werde . . . .

 

Brunhild Hilf


 14.04.2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau v. Savigny (rechts) und Frau Gruner, Juni 2016 im Haus und Atelier des Künstlerehepaars Traute und Gottfried Gruner in Rexingen bei Horb
am Neckar.

Traute Gruner ist die Witwe von Gottfried Gruner, der während des Krieges Aquarelle von W. Novgorod vor Ort gemalt hat, die jetzt in Bielefeld beheimatet sind.

 

….und die Geschichte, die dahinter steht

 

Der Kontakt mit Frau Gruner begann im Sommer 2012, als die Künstlerin nach dem Tod ihres Mannes den Nachlass ihres Mannes geordnet und sich überlegt hatte, wer in Deutschland wohl Interesse für die frühe Aquarellserie haben könnte, die ihr Mann 1942 und 43 als 19-Jähriger in der russischen Stadt Nowgorod am Wolchow nicht nur gemalt, sondern auch unversehrt aus dem Krieg mit in die Heimat gebracht hatte. Sie schickte brillante Fotos der Aquarelle an die Stadtverwaltung Bielefeld, die sie wiederum an die Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod weiterreichte.

Im Herbst 2013 war es nach langem Briefwechsel mit Traute Gruner endlich soweit, dass die 12 Aquarelle- eins der Mitglieder aus dem Vorstand hatte sie eigenhändig in seinem Privatauto bei der Künstlerin abgeholt – in einem der Sitzungssäle des Bielefelder Rathauses für die Dauer eines Jahres aufgehängt wurden. Frau Gruners Absicht, die Bilder en bloc zu verkaufen, blieb aber ohne Erfolg. Nach Ablauf des Jahres war die Situation unverändert.

Meine eigene Beziehung zu Nowgorod war in mehr als 30 Jahren schließlich so fest geworden, dass mein Mann und ich uns vor Jahresende dazu entschlossen, die Bilder selbst zu kaufen und zusammen aufzuhängen. Wenig später machte der inzwischen verstorbene frühere Vorsitzende und Nowgorod-Fan Dietrich Becker den Vorschlag, Motive der Bilder als Postkarten im Verein zu verteilen und vor allem auch den Nowgoroder Freunden zum Beispiel zu Weihnachten zu schicken.

Die Aktion war sehr erfolgreich und endete mit dem Beschluss, in Nowgorod baldmöglichst eine gemeinsame Ausstellung der Gruner-Aquarelle mit Bildern des bekannten russischen Malers I. Pustavoitjev zu organisieren. Das wäre ein wichtiges Signal in einer Zeit der sich verfestigenden Entfremdung zwischen den russischen und deutschen Partnern. Weitere Monate vergingen, in denen mit dem AA, dem deutschen Zoll, dem Nowgoroder Staatlichen Museum und deren Kontaktpersonen konkrete Schritte für die zeitweilige Ausfuhr und baldige und vor allem sichere Rückführung der Bielefelder Bilder beraten wurde. Schließlich zwangen die geplante Ausstellungseröffnung und das Flugdatum von Brunhild Hilf, die die Bilder erst nach St. Petersburg und dann weiter bis W.Nowgorod begleiten sollte, zum Handeln. Anfang Mai hingen die „frühen Gruners“ dann doch noch pünktlich während der Feiern zum Sieg über die Naziherrschaft für höchstens 2 Wochen neben den russischen Bildern. Hoffentlich haben einige 20 oder mehr Nowgoroder sich Gedanken über Kunst im Krieg und über Freund und Feind gemacht, bevor der deutsche Bilderanteil dann die Rückreise antrat - übrigens im Zusammenhang mit einer Delegation des Bielefelder OB Pit Clausen.