Hier finden Sie unseren aktuellen Rundbrief: In diesen berichten wir aus den aktuellen Projekten, Wissenswertes aus Welikji Nowgorod und spannende Themen aus Russland. Wir geben Tipps aber auch nützliche Informationen.
In dieser Zeit der Zunahme autoritärer Strukturen weltweit kommt aus Welikij Nowgorod eine politische Geste für die Demokratie:
Die Birkenrinde als Bulletin:
Im mittelalterlichen Nowgorod wurde die Demokratie geboren
Wie die massenhaft verbreitete Lese- und Schreibfähigkeit in Nowgorod
zur Demokratie führte
Dmitrij Astashkin
Am 26. Juli 1951 war es heiß in Nowgorod. Bei den alljährlichen Ausgrabungen entdeckte Nina Akulova ein Stück Birkenrinde mit Buchstaben. Als sie dieses Fundstück
dem Ausgrabungsleiter Artemij Arzichovskij übergab, erstarrte er und rief dann laut: „Darauf habe ich 20 Jahre lang gewartet!“ Es war die erste Birkenrinden-Urkunde. Sie selber war ein
unbedeutendes hauswirtschaftliches Dokument mit der Aufzeichnung von Einkünften – doch gerade darin lag die Sensation. Sie zeigte, dass in Nowgorod nicht nur die Elite schreiben konnte, sondern
auch die einfachen Leute. In den folgenden Jahren fand man eine große Zahl von Urkunden, darunter auch die Zeichnungen des Knaben Onfim., er war 6 – 7 Jahre alt. Er hatte ein Stück Birkenride
genommen, darin Buchstaben eingeritzt, sie zu Silben zusammengefügt und Tiere und Menschen hinzugefügt.
Die Lese- und Schreibfähigkeit war in Nowgorod nicht nur Kindervergnügen, sie war die Bedingung für politisches Leben,
darunter den Handel. Durch Nowgorod fließt der Wolchow und teilt es in zwei Hälften - auf der rechten Hälfte liegt die Handelsseite, dort ist Leben:
Markt, Handwerker, Kaufleute. Auf der linken stehen die weiße steinerne Sofien-Kathedrale, die Gutshäuser der
Adligen, die Macht. Zwei Welten, die einander hassten, aber nicht unabhängig voneinander leben konnten.
Im 12. Jh. verwalteten die Bojaren alles: sie luden den Fürsten ein, schlossen Verträge mit ihm ab, schränkten seine
Gerichtsbarkeit aber ein mit dem Verweis auf den Statthalter und das Volk. Dieses Volk aber litt auf der Handelsseite. Es schrie bei Volksversammlungen,
wo Entscheidungen mit Stimmkraft herbeigeführt wurden: wer lauter war, hatte Recht. Die Bojaren hatten davon
mehr: Knechte, Anhänger, Geld, um sich Schreihälse zu beschaffen. Aber auf die Dauer war das nicht auszuhalten.
Mitte des 12. Jh.`s erhob sich die Handelsseite zum ersten Mal mit Waffengewalt und forderte den Fürsten heraus. Die
Adligen aber besiegten sie mit ihrem Gefolge und töteten viele auf der Brücke. Über den zweiten Aufstand 1228 schrieb der Chronist: “Der Teufel betrieb
mit dem einfachen Volk eine große Verschwörung.“ Handwerker, Kaufleute, Bürger trauten sich alles zu: sie
verjagten den Fürsten, den Bürgermeister, den Feldherrn, sogar den Erzbischof. Sie plünderten die Adelssitze, brannten die Paläste nieder; die aber
unversehrt geblieben waren, belegten sie mit Steuern. Mit dem Geld baute man die Brücke.
In anderen russischen Gegenden forderten Aufstände oft das eine: die Aufhebung der Schuldknechtschaft. Die Menschen
hatten sich und ihre Kinder für Schulden verkauft, das war schlimmer als ein Fürst. In Nowgorod kannte man so etwas nicht. Land gab es genug, die
Ernte war karg, aber es war die eigene. Deshalb stritten sie nicht fürs Überleben, sondern darum, wer die
Macht hatte.
Das einfache Volk wurde zur bestimmenden Kraft: es veränderte Regierungen, entschied Fragen von Krieg und Frieden. 1418
aber brannten erneut die Gutshöfe auf der Sofienseite, man floh hinüber auf die Handelsseite und rüstete sich zur Verteidigung. Auf der anderen
Seite sammelte sich ein adliges Heer. Zwei Seiten standen einander gegenüber, und zwischen ihnen floss der
trübe Wolchow.
Die später gefundenen Urkunden – es sind ihrer mehr als 1.000 – zeigten, dass die Nowgoroder Demokratie sich nicht nur
auf das Schreien stützte. Auf den Birkenrinden standen Schulderklärungen, Klagen vor Gericht. „Seitdem Du es mir heilig geschworen hast und
mir das Geld nicht geschickt hast, geht es ins neunte Jahr.“ „Roggenmalz ist im Untergeschoss, nimm Dir eine
Handvoll.“ Die Archäologen fanden knöcherne Griffel in den infachsten Häusern. Der Linguist Andrej Salisnjak, der Birkenrinden entzifferte, spricht von
massenhaft verbreiteter Lese- und Schreibfähigkeit.
Diese Vermutung äußerten bereits im 19. Jh. Historiker, die keine einzige Birkenrinde kannten. Aufgrund von Chroniken,
Verträgen mit Fürsten, allein wegen der Struktur des Vetsche ahnten sie, dass in Nowgorod nicht nur die Eliten schreiben konnten. Damals zog man
Vergleiche mit Athen. Nikolaj Karamsin schrieb, dass die Nowgoroder Vetsche der Volksversammlung in Athen
ähnelt. Und er fügte hinzu: das Vorbild für das Nowgoroder politische System sollte man nicht bei den Deutschen suchen, sondern in den ursprünglichen
Strukturen aller
Volksherrschaften: in Athen und Sparta. Eine Ähnlichkeit gibt es in der Tat. Für den Griechen bedeutet die Polis nicht
Mauern, sondern Menschen. Der Historiker Thukydides legt es dem Heerführer Nikias in den Mund: „Wo auch immer ihr ein Lager errichtet, baut dort gleich
eine Stadt.“
Genauso war es in Nowgorod. „Herr Groß Nowgorod“ – das ist keine geographische Bezeichnung. Das sind die Menschen.
Gutsbesitzer, Feldherren, Adlige, das einfache Volk. In einer Urkunde von 1331, gerichtet an die Kaufleute der Hanse, steht: „Groß Nowgorod ist
über Euch erzürnt.“ Nicht der Fürst, nicht die Regierung, sondern die Stadt – zusammengenommen aus allen, die
in der Urkunde gemeint sind.
Vetsche und Ekklesia sind Organe direkter Demokratie. Es geht nicht um Abgeordnete oder Vermittler. Du bist gekommen, Du
hast gerufen, Du hast abgestimmt. In diesem Sinne ist Nowgorod wie die antike Polis. Nur mit Pelzmützen und orthodoxen Kreuzen. Es gibt
einen Unterschied: in Athen nahmen an den Versammlungen auch Bauern aus der Umgebung teil. Die Nowgoroder
Demokratie war ausschließlich städtisch. Die Landbewohner kamen nicht zum Vetsche.
Eine wichtige Ähnlichkeit liegt in der Verwundbarkeit. Athen fiel unter den Angriffen Makedoniens, Rom unter dem Ansturm
der Barbaren, die italienischen Städte unter dem ihrer Nachbarn. Diese Republiken können sich nicht gegen Angriffe von außen wehren, sie haben
zu viele innere Konflikte.
Im Dezember 1477 kam an die Ufer des Wolchow als Gegner von außen das Moskauer Heer. Die Moskauer stürmten nicht die
Mauern, sie warteten, bis Nowgorod sich von selbst ergab. Am 15. Januar öffneten sich die Tore. Keine Barrikaden, keine Schlacht – nur das
Knirschen des Schnees unter den Hufen der Moskauer Kavallerie beim Einzug in die verstummte Stadt. Sie nahmen
die Vetsche-Glocke und entführten sie nach Moskau. Ihr Klang aber verschwand nicht spurlos. Dreieinhalb Jahrhunderte später erklang er in Petersburg in
dem Raum, in dem
sich das Heilige Artel Sergej Murawjows versammelte. Dort hing die Vetsche-Glocke, und jedes Artel-Mitglied konnte sie
läuten, um die Genossen einzuladen. Im Dezember 1825 gingen die Freunde Murawjows hinaus auf den Senatsplatz. Sie forderten eine Verfassung, wollten
die Alleinherrschaft beschränken. Man nennt sie Dekabristen. Die Dekabristen liebten nicht das provinzielle
Nowgorod, das sie auf der „Reise von Petersburg nach Moskau“ 1) sahen, sondern das, von dem sie bei ihrem Freund Karamsin lasen: eine Stadt freier
Bürger, die lesen konnten und ihre Fürsten herausforderten. In einem neuen Russland wollten sie das höchste Machtorgan
„Volks-Vetsche“ nennen. Ihr Ziel war die Verbreitung der Alphabetisierung im einfachen Volk. Denn sie glaubten, dass ein
Volk, das liest und schreibt, damit auch ein anderes Leben aufbaut. Die Birkenrindenschriften kannten sie nicht. Aber intuitiv ahnten sie die
Verbindung: Alphabetisierung und Freiheit – das ist dasselbe. Der Aufstand der Dekabristen wurde unterdrückt,
der Monarchist Karamsin billigte das Vorgehen des Zaren: “Ich, ein friedlicher
Geschichtsschreiber, stimme für Gewalt, denn ich bin überzeugt, dass es keine andere Möglichkeit gibt, einen Aufstand zu
beenden.“. Die Macht im Imperium kommt von oben, mit Kanonendonner. In Nowgorod baute sich die Macht von unten auf, von den Birkenrinden.
Denn dort gab es das Vetsche, wo man sich mit Politik beschäftigte. Da war der Handel, man musste rechnen und
denken. Diese Fähigkeit war kein Privileg, sondern die Bedingung für ein Leben in ständiger Auseinandersetzung. Deshalb lernte Onfim schreiben. Deshalb
buddelte 700 Jahre
später Akulova eine Birkenrinde aus dem Lehm – und der Gelehrte Arzichovskij war sprachlos. Er begriff, was vor ihm viele
nur geahnt hatten: die Nowgoroder Demokratie gründete nicht in den Beratungen der Adligen oder in fürstlichen Verträgen. Sie fußte auf der Birkenrinde.
Auf der Gewohnheit der Leute, ihre Dinge aufzuschreiben, denn sie wussten: ihr Wort hatte Gewicht. Und wenn
wir jetzt von Demokratie sprechen, denken wir nicht an Bojaren oder Gutsbesitzer, sondern an Onfim, der vor fast 800 Jahren Buchstaben malte. Und an
die Dekabristen, die vor 200 Jahren in der Verbannung Schulen gründeten. Denn Demokratie ist, wenn jede
Stimme zählt und festgehalten wird. Auf Birkenrinde oder in einem Bulletin.
(Übersetzung: B. Hilf)
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Der Verfasser arbeitet am St. Petersburger Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften. Er ist uns hier bekannt als Verfasser eines Beitrags zum Aquarellbuch „Kriegsgegner und Brüder in der Kunst“ von 2022.
Vortrag über russische Kultur
Nach Andrej Sacharow, dem „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe“, der seit Ende der 60-er Jahre zum Dissidenten wurde,
1975 den Friedennobelpreis erhielt und 1988 MEMORIAL mitbegründete, trägt die Deutsche Sacharow-Gesellschaft ihren Namen. Regelmäßig vergibt
sie „Stipendien für geistige Freiheit“ – vorrangig an russische WissenschaftlerInnen. Wir haben mit aktuellen
Stipendiatinnen Kontakt aufgenommen und Daria Ganzenko, die zurzeit in Potsdam promoviert, eingeladen, darüber am
Donnerstag, dem 16. Juli einen Vortrag zu
halten. Daria Ganzenko untersucht die Geschichte der Bühnenkomik im spät- und postsowjetischen Russland und zeigt, wie
humoristische Unterhaltung als Raum für Kritik, Widerstand und alternative gesellschaftliche Modelle dienen kann. Wie empfindlich
Diktatoren auf Satire reagieren, hat zuletzt das Gerichtsverfahren gegen den Karnevalisten Jacques Tilly gezeigt – es gibt weitere Beispiele im Umfeld der Russischen Föderation.
Bitte notieren Sie sich den Termin – eine konkrete Einladung wird folgen.
Tschernobyl dauert an, von 1986 bis 2026 usw.
Die belarussische Schriftstellerin Svetlana Aleksiewitsch erhielt 2015 „für ihr vielstimmiges Werk, das den Leiden und
dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“ den Literaturnobelpreis. In einem Interview mit der „ZEIT“ am 23. April 2026 sagt sie: “Die nukleare
Katastrophe ist ein Krieg, aber ein ganz anderer als alle vorherigen. Man läuft durch ein verlassenes Dorf, darf keinen Baum anfassen, sich nicht auf die Erde setzen, keinen Apfel pflücken: Es ist der Tod, der um einen herumsteht, aber er hat ein
anderes, ein unsichtbares Gesicht. Manche Radionuklide können Hunderte, manche Tausende Jahre überdauern. Solange der Krieg in
der Ukraine auch dauert, er wird irgendwann ein Ende finden. Tschernobyl aber ist für unser kurzes Leben
endlos. (...) Ich wollte eine Enzyklopädie über den „roten Menschen“ schaffen, den Menschen mit der kommunistischen Idee. Dafür musste ich ihn in
besonders brutalen Momenten der Geschichte erwischen: Krieg, Tschernobyl, Zerfall des Imperiums. Ich suchte
nach dem erschütterten Menschen, der sich Gedanken über den Sinn seines Lebens macht. In der Nähe des Todes fand ich ihn.
(...) Einen, der (...) tötete und starb. Für eine Idee. Ich glaube, heute gibt es nur noch sehr wenige solcher Menschen. Vielleicht gar keine. Die
russischen Soldaten, die jetzt im Krieg gegen die Ukraine sterben, sterben für Geld. (...) Putin hat Russland erst in die Armut getrieben und die Menschen dann gekauft. Jetzt fahren sie töten, um zu überleben. Im sowjetischen Afghanistankrieg
habe ich niemanden getroffen, der für Geld dort war.
ZEIT: Das heißt, den sogenannten Sowjetmenschen, wie Sie ihn damals kennengelernt haben, gibt es nicht mehr? S. A.: Doch,
nur verändert er sich. Er wird schrecklicher.“
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Dr. Manfred Dümmer, Heckstraße 16, 33609 Bielefeld, Tel. 325 385
Hans-Georg Fischer, Hagenkamp 44, 33609 Bielefeld, Tel. 330 233
Dr. Gerlinde Günther-Boemke, Deppendorfer Straße 160, 33619 Bielefeld, Tel. 05 203 – 1 205
Brunhild Hilf, Schelpsheide 12, 33613 Bielefeld, Tel. 889 282
Stephan Platzbecker, Untere Wende 33, 33739 Bielefeld, Tel. 875 548
Dr. Klaus Trillsch, Saarbrücker Straße 19, 33613 Bielefeld, Tel. 887 930
Erika Weichert, Am Balgenstück 33b, 33611 Bielefeld, Tel. 83 731
Herausgeber: Kuratorium Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod e. V.
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Redaktion: Brunhild Hilf und Rebecca Nußbaum
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