Hier finden Sie unseren aktuellen Rundbrief: In diesen berichten wir aus den aktuellen Projekten, Wissenswertes aus Welikji Nowgorod und spannende Themen aus Russland. Wir geben Tipps aber auch nützliche Informationen.


34. Jahrgang                                                                                                                                                                                       02.10.2018

Nr. 94/ Okrober 2018

 

Einladung zur öffentlichen Mitgliederversammlung

am Donnerstag, dem 25. Oktober 2018, um 19 Uhr in der Ravensberger Spinnerei R. 240

 

Sehr geehrte Mitglieder und Freunde der Städtepartnerschaft mit Welikij Nowgorod,

wir laden Sie und alle Interessierten herzlich ein zu diesem Themenabend:

 

Anke Giesen (Memorial Deutschland):

MACHT und GEDENKEN

 

Nachdem wir uns im Juni Gedanken gemacht haben über einen Gedenkort hier in unserer Nähe, über die Geschichte des Lagers für sowjetische Kriegsgefangene in Stukenbrock, wird es jetzt um die russische Seite des Erinnerns gehen : Zu uns kommt aus Berlin Frau Anke Giesen, Vorstandsmitglied von Memorial Deutschland und dort Verantwortliche für „Historische Aufarbeitung und Erinnerungskultur“ – das wird auch ihr Thema bei uns sein. „Die internationale Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge Memorial“ entstand 1987 als Initiative von Bürgern, die sich der Aufarbeitung politischer

Gewaltherrschaft verpflichteten. Gründungsvorsitzender war Andrej Sacharow.

Zur Arbeit von Memorial gehört die Dokumentation genauso wie die Unterstützung für Überlebende des GULag-Systems. Memorial erhielt zahlreiche internationale Preise, unter anderem 2004 den Alternativen Nobelpreis. Am 4. Oktober 2016 wurde Memorial auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt, nachdem das Justizministerium zunächst sogar ein Verbot hatte erwirken wollen. Im Zusammenhang mit diesem Druck seitens der Behörden muss wohl auch die Tatsache gesehen werden, dass das GULag-Museum in Perm geschlossen und vom Staat übernommen wurde. Welches Konzept steht dahinter ? Wo ist der Zusammenhang mit der Politik des Kremls seit der 3. Amtszeit Wladimir Putins ? Und welche Rolle spielt die Kirche, wenn es um die Aufarbeitung des staatlichen Terrors an der eigenen Bevölkerung geht ? Wie wirkt sich all dies auf die internationalen Beziehungen aus?

Frau Giesen kommt zu uns direkt aus der Russischen Föderation, wo sie an einer Reise der Friedrich-Ebert-Stiftung nach Katyn teilgenommen haben wird, dem Ort, in dem im Frühjahr 1940 etwa 4.400 polnische Offiziere vom sowjetischen Geheimdienst erschossen wurden. Es geht um die Vergangenheit – aber auch um ihre Wirkungsmacht für das Heute.

Seien Sie uns willkommen!

 

i. A. Brunhild Hilf

 

 

Neues aus der Nowgoroder Presse

 

In Russland trat im Juni 2018 ein neues Gesetz zur Erhöhung des allgemeinen Rentenalters in Kraft. Gegenwärtig beträgt es 60 Jahre für Männer, 55 für Frauen, Werte, die zu den niedrigsten in der ganzen Welt gehören. Vorgeschlagen wird eine Erhöhung von fünf Jahren für die Männer, acht Jahren für die Frauen. In der Öffentlichkeit wurde anscheinend erst jüngst klar, was den werdenden Rentnerinnen und Rentnern bevorsteht. Und erst jetzt ging die öffentliche Diskussion los. Obwohl Präsident Putin sich mit Unterstützung für das Gesetz zurückhält (die überlässt er der Duma und deren Vorsitzendem Medwedew), fiel das „Rating“
seiner Partei „Einiges Russland“ von 54,2% am Anfang des Jahres auf 37,5% gegen Ende Juli. Kundgebungen gegen die Erhöhung des Mindestalters hat es im Laufe des Sommers in 38 Städten gegeben (russische Wikipedia), mehr als 2 Millionen Bürger haben Petitionen auf Change.org unterschrieben, die Zentrale Wahlkommission Russlands hat die Zulässigkeit
eines Referendums zum Thema im Grundsatz bejaht (es aber noch nicht angesetzt). Auch in Deutschland steht diese Debatte an, diesbezüglich gibt es noch „ungelöste Fragen“ (WDR 3, 27.8.2018).
Im folgenden Interview in der offiziellen Wochenzeitschrift der Regierung des Nowgoroder Gebiets, dem „Nowgoroder Amtsblatt,“ bringt ein Regierungsbeamter ausschließlich durch „Sachzwänge“ begründete wirtschaftliche und demographische Argumente für die Erhöhung des Rentenalters.


Nowgorodskie wedomosti/novved.ru, 18.07.2018
Die dritte Lebenszeit*: Weit und nah
Die Änderung der Gesetzgebung zum Rentenalter bleibt das meistdiskutierte Thema im Land

 

Wir erinnern daran, dass am 14. Juni die Regierung der Russischen Föderation (RF) den Entwurf eines neuen Rentengesetzes verabschiedet hat mit dem Titel „Über die Einbringung von Veränderungen einzelner gesetzlicher Regelungen der Russischen Föderation bezüglich der Bestimmung und Auszahlung von Pensionen,“ wie vom Ministerium für Arbeit und Sozialschutz der RF vorgeschlagen.
Der Entwurf strebt eine stufenweise Erhöhung des Alters an, bei dessen Erreichen die gesetzliche Alterspension beginnt (65 Jahre für Männer, 63 für Frauen). Vorgeschlagen wird die schrittweise Änderung des Rentenalters ab dem 1. Januar 2019. Zurzeit läuft eine lebhafte Diskussion des Gesetzesentwurfs sowohl unter den Parlamentariern als unter den Rentnern selbst, den jetzigen und künftigen. Wir baten Aleksej Wiktorowitsch Kostjukow, Leiter der Nowgoroder Niederlassung der Pensionskasse der RF, uns zu helfen, die Feinheiten des Entwurfs zu entwirren.
Aleksej Wiktorowitsch, die bevorstehenden Änderungen im Rentensystem sind – mit der Fußball-WM – zweifelsohne das heißeste Thema des Sommers. Welche Fragen haben die künftigen Rentner an Sie zurzeit?
Wir haben gerade neulich eine Hotline eingerichtet, und erstaunlicherweise gab es von künftigen Rentnern kaum Anrufe. Aber bei den jetzigen Rentnern ruft der Entwurf großes Interesse hervor. Die Änderungen in den Rahmenbedingungen für das Eintreten in die Rente sind doch von einem einzigen Ziel motiviert: Das Einkommen der älteren Menschen zu erhöhen. Die Regierung geht davon aus, dass dieses ganze Manöver die Möglichkeit ergeben wird, die Renten der gegenwärtigen Bezieher auf höherem Niveau anzugleichen. Wir alle verstehen, dass die jetzigen Rentner nichts machen können, um die eigenen Pensionen zu erhöhen. Die meisten dieser Leute haben den Hauptteil ihres Arbeitslebens in den 1980-er und 90-er Jahren verbracht, als häufig Arbeit nach dem grauen Schema** abgerechnet wurde, die Beschäftigung war heimlich und der Lohn niedrig.

Das Pensionssystem der RF ist ein Solidarsystem: Das heißt, auf Kosten der Bürger, die heute arbeiten und ihre Altersvorsorge noch aufbauen, werden die heutigen Pensionen bezahlt. Heute wird bei uns die Diskrepanz zwischen der mittleren Gesamthöhe der ausgezahlten Pensionen und der Summe des Arbeitslohns im Lande immer größer. Und die Zahl der Lohnarbeiter, die in den verschiedenen Branchen beschäftigt sind – ob im Staatshaushalt, in kleinen und mittleren Unternehmen oder in der Industrie – nimmt ständig ab. Daher die Abnahme der finanziellen Ressourcen für die Renten und für den Lebensstandard der Pensionäre. Ich wiederhole, aufgrund dieser Besonderheiten ergibt sich das Hauptziel der Veränderungen – die Erhöhung des Lebensstandards der jetzigen Pensionäre.
Erklären Sie, bitte, mit welchem Bonus insgesamt die jetzigen Rentner rechnen können?
Gemäß der Gesetzeslage der RF passt die Regierung die Höhe der ausgezahlten Rentenversicherung an die Steigerung des Preisindexes für das vorangegangene Jahr an. Dabei erlaubt das Gesetz, für die gegenwärtigen Pensionäre einen noch höheren
Preissteigerungsindex zu verwenden. Die Regierung will gerade diese Möglichkeit ausnutzen, um die Anpassungsrate für die Pensionen ab 2019 zu erhöhen. [...] Die Regierung stellt sich die Aufgabe, bis 2024 das Rentenniveau im ganzen Land von den jetzigen 14.400 Rubel im Monat auf 20.000 anzuheben.
Zurzeit geht ein Großteil der Pensionäre vorzeitig in die Rente. Was wird sich für sie ändern?
Tatsächlich ist die vorzeitige Rente bei uns sehr verbreitet. In der Praxis wird das auch nach den vorgeschlagenen Veränderungen so bleiben. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters ist nicht vorgesehen für Bürger mit Berufen mit schädlichen oder besonders schweren Arbeitsbedingungen, das sind die Kategorien 1 und 2, die s. g. kleinen Kategorien. Bei
sozialen Kriterien bleibt ebenfalls die Frührente: Kinderreiche Mütter, Eltern mit behinderten
Kindern, Geschädigte technischer Katastrophen usw. Die Anforderungen für Bürger mit
speziellen Dienstjahren (z.B. unter Tag), mit bestimmten besonderen Berufen (medizinisches,
pädagogisches und künstlerisches Personal) und für Bewohner schwieriger Klimazonen
(Hoher Norden) werden nicht erhöht.
Wenn man die Zahl der arbeitenden Menschen, die Beiträge zum Pensionsfonds leisten, mit der Zahl der Pensionäre vergleicht, entsteht das sogenannte „Kreuz der Pensionäre“
[die Pensionäre, die von den in der Unterzahl befindlichen noch arbeitenden Lohnarbeitern „getragen“ werden müssen – Üb.] Analytiker prognostizieren, dass, wenn man nichts unternimmt, das Kreuz der Pensionäre schon in den 2020er Jahren Realität werden kann. Wie sieht die Situation im Nowgoroder Gebiet aus?
Bei uns ist die Lage etwas schlimmer als im Land insgesamt. Die Zahl der Bevölkerung im Nowgoroder Gebiet betrug am 1.1.2018 606.500 Menschen, davon 204.800, oder 33,7% Pensionäre, in manchen Kreisen bis 40%; der Durchschnitt in ganz Russland steht bei 29,7%. Was das Kreuz der Pensionäre angeht, so überstieg noch im Jahre 2016 die Zahl der Pensionäre die der Lohnarbeiter, 2017 hatten wir auf einen Pensionär 0,98 Arbeiter. D. h. es ist jetzt schon so, dass wir arbeiten, verdienen und das laufende Leben finanzieren, die Kinder großziehen, unsere Altersansprüche aufbauen, und neben der eigenen Familie unterhalten wir einen Pensionär. Klar, dass das eine sehr ernsthafte Belastung für den arbeitenden Menschen darstellt. Und sie wird sich weiter vergrößern, da jährlich die Zahl der Arbeitenden im Lande um 700.000 schrumpft und die Zahl der Pensionsanfänger um 1,5 bis 1,6 Million steigt.
[...]
Können Pensionäre mit Jüngeren auf dem Arbeitsmarkt auf lange Sicht konkurrieren? Viele nehmen es sehr schwer, dass man ihnen nicht einfach erlaubt, bis zum Pensionsalter zu arbeiten.
Wie die Statistik zeigt, arbeiten viele der Russen mindestens fünf Jahre nach Erreichen des Rentenalters weiter. Im Nowgoroder Gebiet sind das 47.344 Menschen oder 23% der Gesamtzahl. Damit wäre eine offizielle Erhöhung des Rentenalters durch die Regierung eine zusätzliche Garantie für die Fortsetzung ihrer beruflichen Tätigkeit. Das neue Pensionssystem würde für den Verbleib von qualifizierten, erfahrenen Kräften am Arbeitsmarkt sorgen. Was die Konkurrenz angeht, glaube ich, dass eine unmittelbare Rivalität zwischen älteren und jungen Spezialisten kaum möglich ist. Die Jugend heute hat in erster Linie mit sich schnell entwickelnden Gebieten zu tun – IT, Telekommunikation, während Menschen der älteren Generation sich in traditionellen Branchen der Industrie, Landwirtschaft, Medizin und Pflege auskennen. In diesen Branchen sind erfahrene Arbeitskräfte sehr gesucht. Es geht nicht um das Alter. Und man muss verstehen, dass der Staat nichts gegen den vorzeitigen Ruhestand hat.
Aber geben Sie zu, es ist sehr schwer, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass sich das Rentenalter, auch wenn es nur schrittweise wäre, um fünf bzw. acht Jahre erhöhen soll.
Ohne Zweifel braucht man hier eine gewisse Anpassungsperiode. Das muss man anerkennen. Es braucht Zeit. Aber ich bin mir sicher, dass die Übergangszeit lang genug bemessen ist. Die Erhöhung des Rentenalters wird sich erstrecken vom 1. Januar 2019 bis 2034, Zeit genug, um sich an die neuen Bedingungen zu gewöhnen.
Für die Jüngeren natürlich ist der Rentenantritt eine ziemlich weit entfernte Perspektive. Aber sie sollen überlegen, wo sie arbeiten, wie sie arbeiten, womöglich sich fragen, ob sie eine Umschulung oder eine höhere Qualifikation machen sollen, ob sie überhaupt einen anderen Tätigkeitsbereich suchen sollen - ebenso, übrigens, wie die Menschen über 50 auch. Wir leben und arbeiten unter den Bedingungen des Marktes, deshalb muss man heute mobil und konkurrenzfähig auf dem Arbeitsmarkt sein. Alles, was wir heute machen, ist ja eine Investition in unsere eigene Zukunft.


*“Die dritte Lebenszeit“ – der volkstümliche Ausdruck für die ersten Jahre des Rentenalters. **In der frühen post-sowjetischen Zeit (nur dann?) gab es zur Vermeidung von Einkommens- oder Lohnsteuer drei Abrechnungsmodi: weiß – völlig offiziell und legal; grau – teilweise „im Umschlag“, teilweise mit den verlangten Steuern und Abgaben; schwarz – kein offizielles Arbeitsverhältnis, keine Steuer (war weit seltener als weiß und grau). Je weniger man legal verdiente und versteuerte, desto niedriger war die Altersrente. [Anmerkung des Übersetzers. Siehe auch http://nauka-rastudent.ru/23/3002/.]
[Auf Deutsch wird zwischen Rente und Pension unterschieden, hier werden sie praktisch als Synonyme verwendet. – Üb. ]
Autor: Nadeschda Markowa
https://novved.ru/2017-07-12-09-42-26/49586-tretij-vozrast-daleko-i-blizko.html
Auswahl und Übersetzung: Wasja Rotsel

29. August – 5. September 2018
Reise des Kuratoriums nach Welikij Nowgorod und St.Petersburg


Die folgenden Seiten bilden ein Mosaik dieser Reise : es sind Beobachtungen und Erfahrungen von Mitreisenden, die die Redaktion ein wenig kürzen musste.


Seit meiner frühesten Kindheit sind drei Landmarken in mir: Nowgorod, Wolchow, Ilmensee: Da musste mein Vater als Soldat kämpfen. Da ist er gefallen und da besuche ich sein Grab, so oft ich kann.

***

In den vergangenen 28 Jahren sind viele Wegbegleiter verstorben, und es war mir eine große Freude, deren Gräber zu besuchen, um noch einmal Revue passieren zu lassen, wie alles angefangen hat und es zu der Freundschaft gekommen ist. Beim Abendessen mit den Überlebenden der alten Freunde kam noch oft der Satz: „Erinnerst Du Dich noch....?“

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Spontan fällt mir als erstes der Besuch im Ikonenmuseum ein, als die Bilder und Erklärungen von Swetlana bei mir ein vertieftes Verständnis der Ikonenmalerei erzeugten. Eine weitere für mich bedeutende Situation war der Stopp an der Ruine während der Fahrt auf dem Ilmensee. Dort soll der Ort Nowgorod entstanden sein. Hier fühlte ich mich frei, ruhig und der Natur sehr nahe.

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Mir gefiel das Konzert im Kulturzentrum Nowgorods besonders gut. Die Solostücke der jungen Pianistin erzeugten bei mir mitunter ein Gänsehautgefühl. Außerdem hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben Stücke von Rachmaninow. Für eine künftige Fahrt wünsche ich mir, das unspektakuläre Leben in einem Dorf auf dem Lande nahe Nowgorod kennenzulernen und mehr von den Menschen dort zu erfahren.

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Und nun mein schönstes Erlebnis - Sind die Russen böse? Die Russen sind nicht böse! Am 1. September, zum Schulanfang, hatten wir eine Einladung des Gymnasiums „Harmonie“. Wir erlebten ein großes Spektakel zur Einschulung, der Schulleiter führte uns durch die Schule und anschließend hatten wir eine Einladung des Lehrerinnenchors, zu dem auch unsere Reiseleiterin Swetlana gehörte. Der Chor sang russische Weisen, begleitet von ihrem Chorleiter auf dem Akkordeon. Bereits beim Konzert fiel mir eine Sängerin auf, die ganz besonders strahlte. Bei Tee und Kuchen hatte ich das Glück, dass ich mich mit dieser Sängerin dank Swetlana unterhalten konnte. Beim Abschied nahmen wir uns in die Arme und auf dem Wege zum Bus kam sie auf mich zu und schenkte mir ihre rote Rose.

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Es war beeindruckend, wie gut und pünktlich die in vielen verschiedenen Restaurants bestellten Mittag- und Abendessen (3-4 Gänge Menüs) für unsere große Gruppe vorbereitet waren, wie nett und ansprechend angerichtet war und wurde. Alle Speisen waren immer optimal gewürzt. Das Personal war sehr aufmerksam und freundlich. Auf zusätzlichen Getränkeverkauf (Bier oder Wein) schien man allerdings keinen Wert zu legen.
Amüsant fand ich die vielen dicken runden Kioske (wo auch viel Andrang herrschte). Die Fenster rundherum waren zugeklebt mit Plakaten der angebotenen kalten und warmen Speisen und Getränken. Nur eine Luke von ca. 30 x 20 cm in niedriger Brusthöhe war ausgespart. Dadurch konnte man seine Bestellung ansagen. Zu sehen waren nur die Hände der Betreiberin, die da irgendwo zwischen ihren Waren und Geräten eingezwängt war. So wechselten Geld und Waren quasi anonym zwischen Händen!

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Der Schulanfang in Russland zum 1. September ist ein feierliches Ereignis. Ein ihn begleitendes Pop-Konzert von Freitag bis Sonntagabend fand auf dem großen Platz vor dem repräsentativen Stadtgebäude statt. Der Platz war bis in die Nacht voller Leute überwiegend jüngeren und mittleren Alters. Ohne Eintrittskosten gab es durchgehend Live-Musik und eine Laserlight-Show mit Sänger- und Bandpräsentationen auf großer Zeltdach-Bühne. Im Randbereich waren wie bei uns Imbiss- und Getränkebuden.
Die vielen Teilnehmer waren ganz bei der Sache, waren lange dort und machten im Rhythmus oder beim Gesang wie auch teilweise tanzend mit, ohne dass es zu irgendwelchen Ausuferungen kam. Einige Leute richteten sich auch in kleinen Gruppen ein und picknickten mit eigenen Getränken und Mahlzeiten.

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Überraschend war für mich, dass die Stadt ganz anders ist, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ausgehend von ihrer langen Geschichte und auch im Hinblick auf die Zugehörigkeit zur Hanse hatte ich einen Ort mit einem historischen Zentrum voller enger, verwinkelter Gassen und alten Häusern erwartet. Angetroffen habe ich eine Stadt mit weiten Straßen, die fast durchgängig mit Bäumen gesäumt sind, helle Häuser, die in einem einheitlichen Stil gebaut sind, und große, gepflegte Parkanlagen mit großzügigen Blumenbeeten. Dazu passend waren alle Russen, die wir in Nowgorod getroffen haben, sehr freundlich, hilfsbereit und sprachen oft ein wenig Deutsch.
Am Ende einer Veranstaltung wurden mein Mann und ich „entführt“. Uns erwartete die Leiterin des Kindertanzensembles „Nastjenka“. Ausgehend von einem Austausch zwischen dieser Ballettgruppe und dem Sportverein TuS „Einigkeit“ Hillegossen e.V. bestehen schon seit Mitte der 90-er Jahre Kontakte. Wir gehörten zu den ersten Gasteltern für die Kinder/Jugendlichen in Bielefeld. Da keines der Kinder Deutsch sprechen konnte und wir nicht die russische Sprache beherrschen, hatten wir immer mindestens zwei und manchmal auch drei Kinder gleichzeitig zu Besuch. Als die Kinder zu groß für das Ballett wurden, ist dann leider wegen der Sprachschwierigkeiten der Kontakt abgebrochen. Im Vorfeld unserer ersten Reise nach Nowgorod hatten wir uns
bemüht, wieder eine Verbindung zu den inzwischen Erwachsenen zu finden. Das ist leider nicht gelungen. Aber nun lud uns die Leiterin des Balletts ein zu einer Probe. Dort erwarteten uns einige junge Menschen, die seinerzeit zwar nicht bei uns gewohnt haben, aber zur gleichen Gruppe gehörten.
So konnten wir erfahren, dass zwei „unserer“ ersten Kinder inzwischen mit Familien in Moskau leben und auch der dritte junge Mann nicht mehr in Nowgorod wohnt. Einen vierten jungen Erwachsenen trafen wir am Sonntag. Zum Abschluss der kurzen Begegnung erklärte sich eine junge Frau, die mit einem ihrer drei Kinder da war, bereit, uns in das Restaurant zu bringen, in dem unsere Reisegruppe zum Abendessen angemeldet war. Auf der Fahrt dorthin scherte ein großer SUV verkehrswidrig auf unsere Fahrspur ein. Unsere Fahrerin schimpfte daraufhin: „Mafia!“ Erstaunt überlegte ich, ob dies wohl auch ein russisches Wort sei. Da ich glaubte, ein weiteres – italienisches – Wort verstanden zu haben, habe ich gefragt, ob sie evtl. italienisch sprechen könne. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass sie einige Zeit in Italien gearbeitet hatte und sich noch ein wenig auf Italienisch unterhalten konnte. Später traf ich sie wieder: sie kam auf mich zu, umarmte mich und fragte nach meinem „marito“, also auf Italienisch nach meinem Ehemann, der zum Glück nicht weit entfernt stand. Leider blieb auch hier keine Zeit für eine längere Unterhaltung. Trotzdem waren wir froh über diese italienische Begegnung in Nowgorod.

***

Der erste Besuch in Russland, dann noch in einer Gruppenreise. Kann das überhaupt über erste Eindrücke hinausgehen, ist da auch Platz für persönlichen Austausch, womöglich auch über beruflich interessierende soziale Fragestellungen? Aber so ist es gekommen. Wir hatten das Glück, Elena, eine junge Lehrerin, schon hier in Bielefeld kennenzulernen. Nun in Nowgorod begleitet sie uns und hilft uns zu Einblicken in aktuelle Fragestellungen, mit denen sie sich auseinandersetzt. Sie steht gerade vor einem
Übergang in eine neue berufliche pädagogische Betätigung. Bisher war sie Lehrerin, und sie hat den Eindruck, den Anforderungen des Berufs unter den Bedingungen dort nicht mehr gerecht zu werden. Man mache in Russland üblicherweise mehr als nur einen Job, um über die Runden zu kommen, aber auf Kosten der Qualität und der eigenen Ansprüche. So wechselt sie nun als Betreuerin in eine – wir würden sagen: Reha-Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Da konnten wir uns auch am Sonntag mit ihr und ihrer Freundin, die dort schon arbeitet, ein wenig umschauen. Hinter einem der alten Klöster am Wolchow ist ein neues Behandlungszentrum gebaut worden. Die Großzügigkeit überrascht. Große überdachte Flächen zum Sich-Bewegen. Gut sicherlich für die langen, kalten Winter. Hiervon ab gehen Räume zu speziellen Behandlungsangeboten und Trainingsformen. Das ganze Programm ergotherapeutischer, physiotherapeutischer und logopädischer Fördermethoden ist hier außerordentlich großzügig auf eine Vielzahl von Räumen verteilt. Wir kommen auch mit den Kindern zusammen, die über das Wochenende hier geblieben sind,
in ihren großzügigen Wohnräumen. Sie bleiben für jeweils 14 Tage in diesem Zentrum. Wir spüren schon, dass sie alle besondere Kinder sind, auf unterschiedliche Weise sehr bedürftig. Wir denken, dass sie überrascht sein werden von der Vielseitigkeit und dem Besonderen der Behandlungsangebote hier. Dann öffnet sich auch die Tür zu einem großzügigen, orthodox ausgemalten Kirchenraum.
Wir haben das Gefühl, dass unsere beiden Freundinnen als Pädagoginnen außerhalb des für sie problematischen Lehreralltags hier ein weites sozialpädagogisches Betätigungsfeld haben. Neben all den Behandlungsprogrammen werden die Kinder Zuwendung für die kleinen Seelen brauchen, beim Kuscheln und beim Einschlafen. Als Kind nach dem Krieg war ich selber auf „Verschickung“, allerdings ganz ohne Maßnahmen. Mich hat das damals tief geprägt.

***

Bei unseren Busfahrten durch Nowgorod und Umgebung wies Swetlana Cvetkova, unsere Reiseführerin, immer mal wieder auf Fabrikgebäude hin, die leer stehen oder in denen jetzt Einkaufszentren untergebracht sind. Sie sagte dazu, diese Fabrik sei in der Gorbatschow-Ära stillgelegt worden. Auch im Gespräch mit Elena, der Lehrerin, die wir bereits aus Bielefeld kannten, kamen wir auf Gorbatschow und die Zeit der Glasnost zu sprechen. Elena sagte, das sei die „Zeit der Wirren“ gewesen, in denen nichts mehr blieb, wie es war. Bisher geltende Regeln und Lebensperspektiven galten nicht mehr, gesellschaftliche Strukturen zerbrachen, es
war eine Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs und für sie persönliche eine Zeit größter Ungewissheit. Für mich war die Erfahrung sehr beeindruckend, wie anders sich die Zeit der Glasnost aus russischer Perspektive darstellt, die für uns doch positiv bewertet und mit Öffnung, Verständigung und Ende des kalten Krieges verbunden ist. Ich denke, beide Perspektiven haben ihre Berechtigung.
Über die heutigen Beziehungen sagte Elena, es sei doch sehr schade, dass bei uns so viel Negatives über Russland und Putin berichtet würde. Für sie sei Putin der einzige Politiker, mit dem sie die Hoffnung auf geordnete Verhältnisse und sichere Lebensperspektiven verbinden könne. Vorsichtig fragte sie, wie wir denn die Situation mit den Flüchtlingen einschätzen
würden – wurden sie eingeladen von Frau Merkel? Und stimmt es, dass Homosexualität gefördert wird?
Für uns war es eine sehr wertvolle, zum Nachdenken anregende Begegnung, die von großer Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Interesse aneinander geprägt war.

***

Und zu guter Letzt noch ein paar besondere Eindrücke:
- Nowgorod - Petersburg, zwei Welten: hier kann man sich wohlfühlen, entspannen, lernen, da aber muss man bestaunen, wird gehetzt, getrieben, lärmbelästigt.
- Nowgorod: beeindruckend der Kreml - unbezahlbar die vielen, vielen Grünflächen, Parks - großartig, Ruhe ausstrahlend der fast naturbelassene Wolchow - herzliches Wiedersehen, interessante neue Begegnungen - ein rundum gelungener einwöchiger Aufenthalt
- Petersburg: die Stadt ist vergoldet, zu sehr! Wahrscheinlich können russische Wissenschaftler auf billige Weise Gold machen - das SUV/KFZ-Verhältnis strebt scharf gegen 1 - es gibt keine Alten, sind sie weggesperrt oder ist die Lebenserwartung so gering? -
es wimmelt von jungen und mittelalten Leuten, man fragt sich , wo die Kinder sind (die sind bis 17 Uhr in Schulen eingesperrt, tauchen mitunter spätabends auf dem Newski auf) - Petersburg ist die viertgrößte Stadt Europas, wo leben all die Menschen, doch kaum in all den Palästen. Man zeigt es uns: in den Vorstädten in 10-, 15-, 20-stöckigen Platten-, aber auch schmuckeren Hochbauten, dazu gehören unvorstellbar große Supermärkte, in denen es alles, alles gibt und die Absurdität des „westlichen Warenboykotts“ zeigt - es ist schwer vorstellbar, wie man bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von ca. 500 Euro überleben kann, auch, wenn die Preise deutlich weniger als halb so hoch wie bei uns sind - die Straßen sind unendlich breit und vollgestopft mit Autos - es wäre ein Leichtes durch Abtrennung einer der drei bis vier Fahrspuren eine der fahrradfreundlichsten Städte zu schaffen

- Russland: angenehm saubere Straßen und Plätze - alles ist funktionstüchtig, weniger bunt durch weniger schrille Werbung - auf der Schnellstraße von Petersburg nach Nowgorod kann man die unendliche Weite und Leere nur ahnen - man sieht unglaublich viele Datschen, Fluchtziele aus beengenden Wohnverhältnissen (?), keine gleicht der anderen, sie müssen nur irgendwie erreichbar sein - Russland ist für körperlich Behinderte und Radfahrer (noch) ungeeignet - man sieht keine Zeitung lesenden Leute, das Angebot an Tagespresse ist mager, vielleicht weil noch weniger Wichtiges darin steht als bei uns.

***

Dank der gründlichen Vorbereitungsarbeit der Kuratoriumsmitglieder Brunhild Hilf und Ulrich Eckert erlebte ich eine perfekt organisierte Reise in die wunderschönen Städte Welikij Nowgorod und St. Petersburg. Ich war begeistert von der herzlichen Aufnahme durch die Menschen, die wir kennenlernten, wie unsere warmherzige Reiseleiterin Swetlana Cvetkova und die jungen Studentinnen der Universität, mit denen wir schöne Stunden bei gemeinsamen Abendessen und bei einer Schifffahrt auf dem Wolchow verbrachten.


Die Autoren der Beiträge sind (in alphabetischer Reihenfolge):
Dr.es G. und R. Blümm, H.P. Bratek, H. und R. Fischbach, G. Gollner, W. Meyermann, I. Recksiek, H. Rühaak, E. Sünram, G. Tymnik und U. Vohmann.


Die Redaktion dankt ihnen für dieses bunte Bild der Reise!

 


Adressen der Vorstandsmitglieder
Dr. Manfred Dümmer, Heckstraße 16, 33609 Bielefeld, Tel. 325 385
Ulrich Eckert, Albertstr.10, 33649 Bielefeld, T. 9 467 120
Hans-Georg Fischer, Hagenkamp 44, 33609 Bielefeld, Tel. 330 233
Christel Franzen, Kupferheide 39a, 33649 Bielefeld, Tel. 451 102
Dr. Gerlinde Günther-Boemke, Deppendorfer Straße 160, 33619 Bielefeld, Tel. 05 203 – 1 205
Brunhild Hilf, Schelpsheide 12, 33613 Bielefeld, Tel. 889 282
Dr. William Rotsel, Spandauer Allee 16, 33619 Bielefeld, Tel. 105 668
Dr. Klaus Trillsch, Saarbrücker Straße 19, 33613 Bielefeld, Tel. 887 930
Erika Weichert, Am Balgenstück 33b, 33611 Bielefeld, Tel. 83 731


Herausgeber: Kuratorium Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod e. V.
www.bielefeld-welikijnowgorod.de
Brunhild Hilf - Schelpsheide 12 - 33613 Bielefeld
Redaktion: Brunhild Hilf und Rebecca Nußbaum, geb.Hilf
Konto des Kuratoriums: Sparkasse Bielefeld, IBAN DE93 4805 0161 0000 114041,
BIC SPBIDE3BXXX

 


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