Hier finden Sie unseren aktuellen Rundbrief: In diesen berichten wir aus den aktuellen Projekten, Wissenswertes aus Welikji Nowgorod und spannende Themen aus Russland. Wir geben Tipps aber auch nützliche Informationen.


Rundbrief 103                                                                                                                                                                              September 2021

 

Einladung zur Jahreshauptversammlung mit Vortrag von Dr. Anke Giesen
am Donnerstag, dem 30. September 2021, um 17:30 h
im Rochdale - Saal im II. Stock des Alten Rathauses


Zivilgesellschaftliche Protestbewegungen in Russland


Sehr geehrte, liebe Mitglieder und Freunde der Städtepartnerschaft mit Welikij Nowgorod,

als ich vor fast genau einem Jahr zu diesem Vortrag einlud, (der dann Corona bedingt abgesagt werden musste), habe ich noch optimistisch auf Amartya Sen verwiesen, der in seiner Dankesrede auf die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2020 am 18. Oktober als reale Bedrohung für Menschlichkeit und Gerechtigkeit in vielen Ländern der Erde die Pandemie des Autoritarismus nannte. Der Optimismus, mit dem er sein Publikum in der Frankfurter Paulskirche und die vielen in aller Welt dazu ermahnte, mehr zu lesen, mehr zu reden, mehr zu disputieren, den habe ich damals gern übernommen. Auch seine These, dass ausschließlich die Gewaltlosigkeit der Weg zu dauerhaftem Frieden in der Welt sei. Können wir das heute noch so behaupten?
Nach dem Desaster in Afghanistan, das 1989 die UdSSR und nun die NATO erlebten, gibt es mehr Fragen als Antworten.
In Bezug auf Russland wollen wir versuchen, die Situation in der Zivilgesellschaft zu verstehen: Welche Themen und Probleme bewegen die Menschen? Was sind die Ursachen für Unruhen in der Umwelt-, Frauen- und Bürgerrechtsbewegung? Wie entwickelt sich Nawalnys Kampagne weiter?
Als Referentin zu Gast wird am 30. September Frau Dr. Anke Giesen sein: bekannt ist sie uns durch ihren Vortrag über  Gedenkkultur in Russland im Oktober 2018 – sie arbeitet im Vorstand der Gesellschaft MEMORIAL, die wachsam beobachtet, wie auf dem Hintergrund der Diktatur der Vergangenheit sich aktuell die Zivilgesellschaft in Russland entwickelt.
Wir freuen uns auf einen Abend - reich an realen Beobachtungen und Reflexionen!
Seien Sie uns herzlich willkommen!
i.A. Brunhild Hilf


Programm des Abends:

1       Jahresberichte und Wahlen
1.1    Berichte der Vorsitzenden (bitte schauen Sie sich die Anlagen dazu an!)
1.2    Berichte der Kassenwartin – incl. Zeugnis der Kassenprüfer
1.3    Entlastung des Vorstands
1.4    Vorstandswahlen: neue Kandidaten sind willkommen!


2       Vortrag : Dr. Anke Giesen

 

Wir sind unendlich traurig über den Tod unseres Vorstandsmitgliedes


Dr. William Rotsel
22.10. 1942 – 01.06.2021


Geboren in den USA als „William“, taufte ihn seine Russischprofessorin um in „Wasja“, was offenbar sein weiteres Tun vorherbestimmte und die Bereiche seiner akademischen Laufbahn Russistik/ Slavistik prägte.
Seit 1970 lebte er in Deutschland, zunächst in Münster, dann forschte und unterrichtete er seit 1976 am Oberstufenkolleg und der Universität Bielefeld.
Er begleitete und gestaltete zahlreiche Austauschmaßnahmen mit der Partner-universität in Welikij Nowgorod und wirkte maßgeblich mit an Übersetzungs-projekten, die im Zusammenhang stehen mit dem Gedenken an sowjetische Zwangsarbeiter in Bielefeld. Seit 2007 bereicherte er die Arbeit des Kuratoriums Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod mit seiner profunden Kenntnis der russischen Kultur und der scharfsinnigen Beobachtung der politischen Entwicklung Russlands. Seine Übersetzungen und Deutungen so mancher Presseberichte aus der Partnerstadt waren Glanzpunkte in den Rundbriefen unseres Vereins. Wenn er Filme aus der Vergangenheit und Gegenwart der russischen Medienkultur präsentierte, waren dies Sternstunden der Kommunikation mit dem oft so überaus fremden und doch so köstlich unterhaltsamen Wesen russischer Menschen.
Dass er in den letzten Jahren aus gesundheitlichen Gründen seiner Begeisterung für sportliche Outdoor - Aktivitäten immer weniger frönen konnte, bremste seine Lebenslust und -kraft. Nun hat ihn die Krankheit besiegt.


Wir sind sehr dankbar, dass er seine kritische Liebe zur russischen Kultur eine Zeitlang mit uns teilte, werden uns immer an seinen Humor und seine Bescheidenheit erinnern und ihm ein besonderes freundschaftliches Andenken bewahren.
Im Namen des Vorstandes: Brunhild Hilf


Das Foto zeigt Dr. Michail Pevzner und Dr. William Rotsel: Wasja und Mischa, die beiden Kollegen, in Freude über den just
unterzeichneten Kooperationsvertrag zwischen der  Universität  Nowgorod  und  der Fachhochschule Bielefeld am 21. Mai 2017

 

 

Ekaterina Pango: Die Russen und das Virus


Antivirale Maßnahmen sind in Russland aus den Medien gut bekannt. Meine Beobachtungen in Zeiten der Pandemie möchte ich gerne mit Ihnen teilen. Zum Verständnis des Verhaltens vieler Russen ist das Verständnis der negativen Auswirkungen der Perestroika wichtig. Die bestanden darin, dass viele Bürger damals erkannten, dass es möglich war, Regeln und Gesetze ohne Strafe zu verletzen. Aus dem kollektiven „alle für einen, einer für alle“ wurde nun „ein jeder für sich“. In Russland führt das bis heute zu einer gewissen Disziplinlosigkeit, die als Freiheit empfunden wird. Kollektive Immunität ist aus meiner Sicht daher wesentlich weniger Gesprächsthema als in Deutschland; Verwandte oder Freunde können an Corona sterben, aber dies ist – neben der Trauer- oft kein kollektives Problem.

 

Es gibt daher viele kleine Verstöße gegen logische Maßnahmen und je weiter man vom Stadtzentrum St. Petersburgs entfernt ist, desto mehr Verstöße gibt es. In der Innenstadt tragen alle Masken, am Rande der Stadt gibt es kaum Masken in Bus und Bahn. Zum Beispiel tragen die Leute am Eingang zum Supermarkt und an der Kasse zumeist Masken, die sie allerdings dann beim Einkauf im Laden abnehmen. Dabei hält das Personal im Geschäft das Maskenregime ein, Theken und Böden werden oft desinfiziert. Andererseits verwenden die gleichen Kunden beim Einkauf aktiv kaum noch Bargeld um sich zu schützen, was sicherlich hilft, die antiviralen Maßnahmen einzuhalten.

 

Im Herbst und Winter leiden in St. Petersburg aufgrund des feuchten und kalten Klimas viele Einwohner an Erkältungen, die schon immer meist ohne Rücksprache mit einem Arzt selbst behandelt wurden. Viele dieser Personen wissen bei einem milden Verlauf gar nicht, ob sie in der letzten Zeit an einer Erkältung oder an Coronavirus-Infektion erkrankt waren. Außerdem

waren wohl viele Menschen asymptomatisch krank. Daher glauben viele Leute, eine Immunität aufgebaut zu haben, und lassen sich nicht impfen. Ältere Leute wohnen in Russland oft bei den Kindern und sind vom Frühjahr bis Herbst oft auf der Datscha. Sie werden hier wie dort von Verwandten versorgt und haben eine sehr begrenzte Zahl von Kontakten. Und natürlich gibt es, wie in allen Ländern, Menschen, die glauben, die Coronavirus-Infektion sei eine Erfindung, ein Narr des Volkes.

 

In Zeitungen und Fernsehnachrichten gibt es ausreichend Informationen über das Virus, Krankheiten, Impfungen und die Todesfälle. Die Berichterstattung gleicht aber eher einer Werbung - und die Leute glauben kaum an Werbung. Sendungen in einem Format wie in Deutschland, in denen Spezialisten und Experten in einer Runde über die Probleme der Coronavirus-Infektion sprechen und ihre unterschiedlichen Meinungen teilen, sind in Russland selten. Das ist ein Jammer! Im kleinen Kreis haben Bekannte, Freunde und auch meine Mutter das Problem erkannt und gehandelt. Gesellschaftlich benötigt Russland neben
Information aber auch ein gesellschaftlich verantwortliches Verständnis im Umgang mit der Pandemie.


Frau Ekaterina Pango hat in St. Petersburg Medizin studiert und dort viele Jahre als Kinderärztin gearbeitet. Ihr Leben ist in vielfacher Weise mit Welikij Nowgorod verbunden. Als von dort 1990 das Schulschiff des „Clubs junger Seeleute“ durch die Ostsee, den Nordostsee-Kanal und die Nordsee nach Emden kam und die Besatzung Bielefeld besuchte, war sie als begleitende Ärztin an Bord, ebenfalls auf dem Rückweg, auf dem junge Bielefelder mitreisten.


Ihre Tochter hat in Welikij Nowgorod und Hildesheim studiert und ihr Ehemann ist Ulrich Eckert, Vorstandsmitglied im Kuratorium und mit Brunhild Hilf Reiseleiter der Bürgerreise im Sommer 2018. Zurzeit sorgt sie für ihre Mutter in St. Petersburg.

 

 

Den hier folgenden Bericht sandte uns ein Journalist aus unserer Partnerstadt; sein Name ist der Redaktion bekannt.


Keine Varianz
Darauf bestehen die Novgoroder: Alternativen sind der Garant für richtige Lösungen


Tagein tagaus werden in diesem Sommer in der Stadt und im Gebiet Velikij Novgorod etwa 130 Neuinfektionen mit Covid-19 gemeldet. Dieser Befund ist doppelt so hoch wie im Frühjahr 2020, als diese Epidemie nach Russland kam. Die Infektion damit bedeutete den Tod für 300 Einwohner pro Tag. Grundsätzlich erfolgen Impfungen auf freiwilliger Basis, aber es kommt auch vor, dass man am Arbeitsplatz dazu genötigt wird. Die Spritze in den Arm ist bei Vorlage einer Krankenversicherung kostenlos, aber das angebotene Vakzin ist ausschließlich das aus russischer Produktion, und nur Sputnik V, das in den offiziellen Fernseh-sendern täglich mit Überzeugungskraft als das beste der Welt genannt wird. Jedoch, das Resultat ist wenig überzeugend: die Impfungen gehen schleppend, viele lehnen sie ab, sie glauben nicht daran. Die Sterblichkeit an Corona in Russland ist eine der höchsten der Welt, gerechnet auf eine Million Einwohner – warum? Vielleicht liegt es daran, dass die Ärzte quasi blind agieren: sie haben nur eine Lösung zur Hand. Ich habe es selbst ausprobiert: nur fiktiv auf dem Papier, das man vor der alternativlosen Impfung unterschreibt, wird eine Untersuchung des Patienten dokumentiert, jeder Test auf Antikörper aber ist kostenpflichtig.
Lediglich Mitte August d. J. erschien ein alternatives Vakzin: KoviVak – in einer Menge von 2.340 Dosen. Es kommt von einer Firma, die noch den sovjetischen Methoden der Forschung verpflichtet ist. Gleichzeitig wurden 36.000 Dosen Sputnik light geliefert für die, die sich eine zweite Impfung wünschten. Während ich diesen Artikel schreibe, wird bereits das fünfte Vakzin gegen Covid-19 angekündigt; wann es aber verfügbar sein wird, das weiß man nicht. Vielleicht ist es auch nur für den Export bestimmt. Davon, wann ausländische Mittel dem russischen Marktteilnehmer zur Verfügung stehen werden, ist nicht die Rede.


Novgoroder „Jalta“
Der diesjährige Sommer war heiß. Den ganzen Juli über konnte man im Wolchow und im Ilmensee baden. Strenge  Ein-schränkungen gab es weder für Einwohner noch Touristen: öffentlich zugänglich waren die Strände, die Schwimmbäder und die Vergnügungszentren. Aber von den Badeorten am Schwarzen Meer gab es alarmierende Nachrichten über Naturkatastrophen: Taifuns, Überschwemmungen, Erdrutsche nach tropischen Regengüssen.
Der Reiseliebhaber ging in sich und bereiste die historischen Stätten Zentralrusslands, unter ihnen Novgorod, die  berühmteste
und äußerlich ruhigste, friedlichste.

Zum Ilmensee fahren wie immer vier Ausflugsschiffe vom Detinec ab (das ist in der russischen Sprache das ältere Wort für den Kreml`): Vetsche, Sadko, Moskau und Jalta, die der Stadt noch aus sovjetischen Zeiten vererbt wurden. Wähle, welches davon Du möchtest! Geh zum Anlegesteg
in Novgorod – und schon bist du quasi in Jalta! Ein Segen! In der Stadt selber gibt es viele Restaurants, behutsam restauriert man die echte mittelalterliche Architektur, legt neue Parks an, rekonstruiert die Uferpromenade des Volchov . . .

 


Seit 1991 fährt Jalta die Passagiere über den Volchov.

 

Nun ja, Reisen ins Ausland bleiben sehr reichen Russen vorbehalten. Die Mittelklasse, genauer das, was von ihr in der Krise übrigblieb, erholt sich bei Fahrten im Inland. Der Tourismus, muss man zugeben, wurde zur Antriebskraft der Ökonomie und zum starken Motivator für die Bürger, gut zu arbeiten. Zuhause zu sitzen in den eigenen vier Wänden ist sehr schwer - nicht nur für die arbeitende Bevölkerung, die 11 Monate sich Geld vom Gehalt abspart, um dann 7 leuchtende Tage an einem Korallenmeer zu verbringen. Neue Eindrücke wünscht sich jeder. In Velikij Novgorod hat man sich Gedanken darüber gemacht, wie man die Stadt für Reisende mit schmalem Geldbeutel attraktiv macht. Unsere Region hat sich als erste im Land an die Realisierung einer Reihe von Maßnahmen für angepassten Tourismus gemacht, insbesondere an bequeme Bedingungen für Familienurlaub mit kleinen Kindern, an die Generation 50plus (Best Ager) und an Invaliden.

 

Novgorod beweist mit seinem Beispiel, wie man „hanseatischen“ Tourismus
entwickelt. Die Konkurrenz mit anderen historischen Provinzen zwingt es nicht nur, die Straßen sauber und in Ordnung zu halten, sondern auch sich Neues anzueignen. Paris rühmt sich seiner Couturiers für ganz Europa, Novgorod – für ganz Russland. So eine Tendenz gibt es an den Ufern des Volchovs : der Tourist kommt nicht nur zum Schauen, sondern wird auch animiert, sich sportlich-modisch zu kleiden.

 

 

 

 

 

 

 

In den Netzen des Krypto-Minings
Den Menschen reale Eindrücke zu verschaffen – das ist schwierig in Zeiten der durch die Pandemie erzwungenen Selbstisolation. Leider entspricht das Fernsehen nicht mehr den Bedürfnissen der Russen. Seit der Staat weniger Arbeitsplätze schafft, die Arbeitslosigkeit wächst und dem Bürger die „Freiheit“ der „Selbstbeschäftigung“ anbietet, sucht man sich neue Möglichkeiten. Viele sind ohnehin im homeoffice und den ganzen Tag am Rechner.
Das Internet, soziale Netze, Messengerdienste – das ist dann schon etwas anderes. Hier gibt es eine Vielzahl von Angeboten, und auf dem Markt in Novgorod ist mit vier Netzanbietern und ungezählter Mobilfunk-Software alles in Ordnung. Das System, in dem es zwei führende Dienstleister gibt, und hinter diesen noch zwei weitere in Habachtstellung stehen, arbeitet sehr effektiv. Ein Missgeschick ereilte nur den Spiele-Markt. Im beginnenden Zeitalter der digitalen Technologie und der freien Preise leiden die Bürger der Stadt – wie in ganz Russland – unter dem Chip-Mangel.; es ist unmöglich, eine Grafikkarte für den PC zu
bekommen und die Spielekonsolen Play Station 5 verschwinden von den virtuellen Ladentischen in Minutenschnelle. Schuld daran sind weniger die Pandemie und der Rückzug von Teilen der Gesellschaft in die digitale Welt, sondern die Schürfer. Strom ist in Russland billig, deshalb ist es rentabel, Kryptowährung auf dem heimischen PC zu produzieren. Für einen Jugendlichen ist schon 1 € pro Tag ein willkommener Ertrag vom Rechner, an dem sonst Spiele-Monster getötet werden. Die Erwachsenen bauen aus aneinandergereihten Grafikkarten Mining-Farmen – eine neue einträgliche Beschäftigung für zuhause, und eine unerwartete ökonomische Wendung in Zeiten der Pandemie.

 

Nord Stream Zero
Was kann in diesen Pandemie-Zeiten mit der ihr eigenen Isolation zwei befreundete Städte verbinden – Novgorod und Bielefeld – etwa nur angenehme Erinnerungen an vergangene Reisen zu den Hansetagen? Beim Grübeln darüber fiel mir noch eine Verbindung ein: die Gasleitung. Gut möglich, dass sowohl die Novgoroder als auch die Bielefelder Erdgas aus demselben sibirischen Herkunftsort verbrennen werden. Die Gasleitung Nord Stream 2 mit einer Länge von 1234 km verbindet bald Deutschland mit Russland mit einem zusätzlichen Ast. Bleiben noch 27 km Röhren, die auf den Meeresboden gelegt werden müssen, schreiben die Medien, und dann verliert die polnische Variante mit dem Bau eines Terminals für den Empfang von Flüssiggas aus Amerika ihren Einsatz. Wahrhaftig, in meiner Erinnerung sind es schon Dutzende ähnlicher Verlautbarungen: in jeder wurde die Vollendung des Bauwerks hinausgeschoben. Ja, und dann – was dann?

 

Wahlen
In Deutschland finden im September – wie in Russland – Wahlen zum Parlament des Landes statt. Das sind für die Bürger sehr verantwortliche Zeiten. Reich ist die Palette der in beiden Ländern vorgestellten politischen Kräfte: traditionelle und neue Parteien sind bereit, um die Macht zu kämpfen. Die Skala der Möglichkeiten ist breit gefächert. So bieten sich den Russen 14 zur Wahl zugelassene Parteien an: zwei mit Hammer und Sichel auf rotem Grund, zwei bezeichnen sich als grün und versprechen, sich für Umweltschutz einzusetzen, zwei appellieren an Gerechtigkeit.

 

 Am 15. August besuchte der neue Leiter
der Partei Jabloko Novgorod.

 

Und in Deutschland gibt es, so alarmiert die russische Presse, eine Partei, die gegen Nord Stream 2 ist. Das beunruhigt die Russen sehr. Wenn die Gasleitung nicht zu arbeiten beginnen sollte, so endet in ihren Vorstellungen, beeinflusst durch Fernsehnachrichten, die Krise nie – und es gibt kein Geld für Reisen.

Der beste Witz in den letzten Monaten in Novgorod: „Ich bin jetzt mit Sputnik geimpft, es gab keine Nebenwirkungen, aber seltsamerweise befällt mich nun der leidenschaftliche Wunsch, die führende Partei zu wählen.“
Warum wollen viele Russen nicht für die Partei von der Einheit und dem Zusammenschluss mit Moskau stimmen? Weil der Kreml` dem Parlament und der Gesellschaft keine alternativen Lösungen anbietet. Ihm gefällt die Ein-Mann-Führung, wenn in der Stille des Kabinetts eine der Regierung genehme Reform ausgearbeitet und dann vom willfährigen Parlament in ein föderales Gesetz eingebracht wird. Die Opposition existiert dabei nur zum Schein, um der Regierungsarbeit eine demokratische Färbung zu verleihen. Sehr klar demonstrierte dies die für die Bürger sehr schmerzhafte Rentenreform. Das Monopol ist erschreckend dadurch, dass es in jedem beliebigen Fall nicht für den Fortschritt arbeitet, sei es die Exekutive oder das Gasventil.
(Ü.: B. Hilf/ S. Leitenberger)

 


In memoriam Dr. William Rotsel
Als im Frühsommer „Wasja“ starb, standen die großen Ferien bevor, so hatte ich Zeit, meine Trauer darüber langsam zu sortieren und meine Gedanken an ihn in die Vergangenheit zu schicken.
In den 80-er Jahren machte ich an der Bielefelder Universität eine Art Aufbaustudium in Slawistik und besuchte Lehrveran-staltungen bei verschiedenen Professoren und Dozenten. Den weitaus stärksten Eindruck hinterließ bei mir das intensive, von nur ca. 10 Leuten besuchte Seminar von Dr. W. Rotsel, Dozent am Oberstufenkolleg (OS), der auch an der Uni lehrte. Soweit ich mich erinnere, sprach er von Anfang an ausschließlich russisch mit uns im Unterricht. Als Thema hatte er sich in diesem schönen Sommer mit Wladimir Nabokovs Erzählung „Einladung zur Enthauptung“ (russisch: Priglaschenije na kazn`) ausgerechnet eins seiner schwierigsten und – wie der Titel schon vermuten lässt – thematisch düstersten Werke vorgenommen. Das vergaßen wir aber von Mal zu Mal mehr unter Wasjas zurückhaltender und kluger Leitung. Ich weiß jetzt noch weniger als damals, wie er es geschafft hat, den Student*innen das Gefühl zu vermitteln, sie hätten ganz allein herausgefunden, dass die
Sprache selbst hier im Vordergrund steht, eine sehr metaphorische und poetische Sprache, mit der der Redende sich in einer Art Tagtraum über die schier endlose Zeit bis zur Urteilsverkündung rettet. So grausig der Titel der Erzählung klingen mag, so hochinteressant wie diese war für mich kein Text in diesem Semester, und in der Erinnerung kann ich sagen, auch keine andere des ganzen Studiengangs.
Dass Wasja ein ausgezeichneter Lehrer war, wussten natürlich auch seine Kollegen und die Kollegiat*innen im OS. Später, ab 2015, konnten die geflüchteten syrischen und türkischen Kinder, die in der Brodhagenschule neben Deutsch auch noch die Weltsprache Englisch bzw. Amerikanisch von Wasja lernen wollten, davon profitieren. Damals war auch ich zwei Sommer lang dort als Hilfslehrerin tätig, quasi als seine Kollegin.
2011 wurden wir beide gleichzeitig in den Vorstand des Kuratoriums aufgenommen, den ich nach 7 Jahren wieder verließ. Er blieb bis zu seinem Tod Stellvertretender Vorsitzender. Was er für den Verein bedeutet hat, wurde von Brunhild Hilf eindrücklich beschrieben.
Ein kleines Detail zu dieser Zeit fällt mir noch ein, das Frau Hilfs Charakterisierung bestätigt: Lange Jahre hat er regelmäßig uns Teilnehmern, die im Westen der Stadt wohnten, angeboten, uns zu Vorstandssitzungen in anderen Teilen der Stadt mit dem Auto abzuholen und anschließend wieder nach Haus zu bringen. Das machten andere Mitglieder auch, aber keiner tat es mit so großer Regelmäßigkeit, Selbstverständlichkeit und Bescheidenheit, sodass ich finde, hier sollte noch einmal daran erinnert werden, welchen Ausnahmemenschen wir in ihm verloren haben. Danke, Wasja!
20. August 2021

Ulrike von Savigny

Unsere Verbindungen
Wer von außen auf die Städtepartnerschaft schaut, der muss zurzeit den Eindruck gewinnen, dass sie schläft. Hinter den Kulissen aber bewegt sich einiges. Ein Vorhaben, das Früchte tragen soll, ist das GOETHE-Ersatz-Projekt: im Wintersemester 21/22 können Studierende der Universität Nowgorod teilnehmen an einem zunächst digitalen Austausch über die Deutschen, über gemeinsame oder unterschiedliche Vorstellungen zum Leben. Hier in Bielefeld engagieren sich Menschen aus ganz
verschiedenen Bereichen dafür, die jungen Bürger der Partnerstadt teilhaben zu lassen an ihrem Leben. Das geschieht natürlich auch in Vorfreude auf reale Begegnungen – wann immer diese möglich sein werden. Es ist so dringend, sich derzeit über wichtige Fragen auszutauschen – und die Pandemie legt sich zusätzlich vernebelnd auf die wahrzunehmende Entfernung in Politik, Kultur und Weltanschauung. Aber die Radio-Brücke ist wachsam!
Die vielen von uns gut bekannte und überaus kundige Reiseleiterin Svetlana Cvetkova jubelte neulich: „Die Grenzen öffnen sich!“– weil sie Bonner Bürgern Nowgorod zeigen konnte. Vermittelt durch uns, hat sich ein Berliner angemeldet, um im kommenden Jahr eine familiäre Gedenkreise zu russischen und deutschen Friedhöfen mit ihr zu unternehmen. Der neben Wasja hier (S.2) abgebildete Michail Pevzner wird Anfang Oktober viele Bi`er Gratulationen zu seinem 70. Geburtstag bekommen, er hat
sich im entscheidenden Moment produktiv für das GOETHE-Projekt eingesetzt.
Vom 8. – 12. Oktober findet in Welikij Nowgorod das 16. Internationale Kings-Theaterfestival statt: inländische Teilnehmer werden vor Ort dabei sein, ausländische in online-Formaten, so auch das Bielefelder Theater – nicht zum ersten Mal, bisher aber gab es realen Austausch – auch er wird wieder möglich sein, so hoffen wir.
Und hier wartet die Goldene Schale aus den Trümmern der Sophien-Kuppel auf ihre Rückkehr – zu Weihnachten 2020 habe ich Ihnen von ihr erzählt...
In zwei Jahren wird die Idee zu unserer Verbindung bereits 40 Jahre alt!


Kassenbericht 2020 des Kuratoriums - Zusammenfassung und Erläuterung
(die Zahlen sind gerundet)
Die Mitgliedsbeiträge waren wie immer mit 2.120,- € die größte Einnahmequelle. Hinzu kamen Spenden in Höhe von 1.150,- €., so dass sich der Anfangsbestand auf über 10.600 € erhöhte.
Bei den Ausgaben sind es die Kosten für vier Rundbriefe, die mit 650,- € die höchsten Beträge aufweisen, der Auftritt von Herrn Morosov kostete uns 500,- €, die Gelder für Verwaltung, Zugehörigkeit zu Verbänden u.ä. betragen 480,- €, die Auslagen für das Aquarellbuch Gruner & Pustovojtov betrugen 1.000,- €, wurden aber 2021 von der Stadt erstattet.
Am Ende des Jahres wies die Kasse einen Bestand von 7.800,- € auf, wovon wir nur über 2.650,- € frei verfügen konnten, hohe Beträge vom Gehaltscent und für das Psychiatrie-Denkmal warten auf ihre Verwendung.
 Brunhild Hilf

 

 

Adressen der Vorstandsmitglieder

Dr. Manfred Dümmer, Heckstraße 16, 33609 Bielefeld, Tel. 325 385

Ulrich Eckert, Albertstr.10, 33649 Bielefeld, T. 9 467 120

Hans-Georg Fischer, Hagenkamp 44, 33609 Bielefeld, Tel. 330 233

Christel Franzen, Kupferheide 39a, 33649 Bielefeld, Tel. 451 102

Dr. Gerlinde Günther-Boemke, Deppendorfer Straße 160, 33619 Bielefeld, Tel. 05 203 – 1 205

Brunhild Hilf, Schelpsheide 12, 33613 Bielefeld, Tel. 889 282

Dr. William Rotsel, Spandauer Allee 16, 33619 Bielefeld, Tel. 105 668

Dr. Klaus Trillsch, Saarbrücker Straße 19, 33613 Bielefeld, Tel. 887 930

Erika Weichert, Am Balgenstück 33b, 33611 Bielefeld, Tel. 83 731

 

Wir sind dankbar dafür, dass derzeit
Sergej Leitenberger, Heckstraße 18a, 33609 Bielefeld, Tel. 01 522 – 4 583 208
Aufgaben des verstorbenen Herrn Dr. William Rotsel übernimmt.


Herausgeber: Kuratorium Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod e. V.
www.bielefeld-welikijnowgorod.de
Brunhild Hilf - Schelpsheide 12 - 33613 Bielefeld
Redaktion: Brunhild Hilf und Rebecca Nußbaum
Konto des Kuratoriums: Sparkasse Bielefeld, IBAN DE93 4805 0161 0000 1140 41,
BIC SPBIDE3BXXX

 


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