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26. Jahrgang
Nr.70 /Mai 2010
Sehr
verehrte, liebe Mitglieder und Freunde Welikij Nowgorods!
Hiermit
lade ich Sie ein zur öffentlichen Mitgliederversammlung
am Montag, dem 7.6.2010 um 20 h
in
Raum 240 der Ravensberger Spinnerei (VHS) im Ravensberger Park 1
In unserer
Juni-Zusammenkunft möchten wir mit Ihnen unser Nachdenken über Russland
fortsetzen: wie entwickelt sich dort der Schutz der Menschenrechte? Seit
den Morden an kritischen Journalisten, unerschrockenen Menschenrechtsverteidigern
und Aktivisten humanitärer Projekte wuchs der Eindruck, dass der russische
Staat diese nicht hinreichend schützt und solche Verbrechen nicht rückhaltlos
aufklärt. Führt die Sorge vor tödlichen Bedrohungen zum Rückgang des zivilrechtlichen
Engagements? Im Sommer 2009 stellte die Menschenrechtsorganisation MEMORIAL
ihre Arbeit in Tschetschenien zunächst ein. Eine Ermutigung für sie war dann
die Verleihung des „Sacharowpreises für geistige Freiheit“ vom Europäischen
Parlament. Oleg Orlow, der stellvertretend den Preis entgegennahm, sprach in
einem Interview von den Einschüchterungen und Schikanen des Staates, durch
Neofaschisten und Rassisten, er sprach über den „Träumer“ im Kreml und über die
schleichende Rehabilitierung Stalins: oft hätten er und seine Mitstreiter,
insbesondere im Nordkaukasus, das Gefühl, „mit einem Löffel ein Meer
zu leeren“.
Wir haben Peter Franck,
den Russlandexperten von Amnesty International Deutschland eingeladen, mit
uns einige Wasserproben von diesem „Meer“ zu untersuchen.
Ich bin neugierig auf
diesen Abend und lade Sie alle recht herzlich dazu ein!
Brunhild Hilf
September 2010: Gastfamilien gesucht
Eine Gruppe von Deutsch-Studenten
aus unserer Partnerstadt wird Anfang September Bielefeld besuchen. Sie erkunden
gemeinsam Alltags- und kulturelles Leben, erproben ihre Deutsch-Kenntnisse und
wollen Ausflüge in die Umgebung machen. Teile des Programms werden von uns
vorbereitet und angeboten, im wesentlichen aber werden die jungen Leute
zusammen mit der sie begleitenden Dozentin selbstständig unterwegs sein. Sie
können in der Rathauskantine Mittag essen.
Was also wird von den
Gastfamilien erwartet?
Neben dem „bed &
breakfast“-Angebot, für das wir uns schon jetzt herzlich bedanken!:
Ein Nowgorod-Treff ist im Zusammenhang mit diesem Besuch
geplant, denn die Studierenden bringen parodistische Märchenvorführungen mit.
Neues aus der Nowgoroder Presse
Nowgoroder Nachrichten / Новгородские ведомости,
8.5.2010
[Autor:
Swetlana Dubowizkaja]
Heute findet in Welikij Nowgorod die feierliche Enthüllung der Säule
„Stadt des soldatischen Ruhmes“ statt
Das Ereignis, auf das alle
warten, wird heute stattfinden: Die Verhüllung wird von der 10 Meter hohen
Säule fallen, die Einweihungszeremonie wird ablaufen, die Ehrensalve wird
erschallen und die ersten Blumen werden den Sockel der Säule verzieren.
Hunderte von Stadtbewohnern werden an diesem Tag hierher kommen [vom Bahnhof
geradeaus, zum Kinozentrum am Karl-Marx-Platz, auf halbem Weg Richtung Kreml]:
Würdenträger, Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges, Vertreter der
Arbeitskollektive der Stadt, Schüler und einfache Nowgoroder. Viele haben
unmittelbar teilgenommen an der Erschaffung dieser Gedenkstätte, indem sie
ihren Beitrag an die Stiftung „Soldatischer Ruhm“ geleistet und somit die
Sammlung von Mitteln zu einer gesellschaftlichen Aktion gemacht haben. […]
Wir erinnern daran, dass
der Erlass zur Verleihung des Ehrentitels der Russischen Föderation „Stadt des
soldatischen Ruhmes“ am 29. Oktober 2008 vom Präsidenten Dmitrij Medwedew
unterzeichnet wurde. Seine Zeilen, verewigt in bronzener Umrahmung am Fuße der
Kolonne, kann jedermann lesen: „Für Tapferkeit, Standhaftigkeit und massenhaften
Heldenmut seitens der Verteidiger der Stadt im Kampf um die Freiheit und
Unabhängigkeit des Vaterlandes…“ Im selben Jahr, als Ergebnis einer
landesweiten Ausschreibung, wurde der aussagekräftigste Entwurf in der Form
einer dorischen Säule, gekrönt von einem vergoldeten bronzenen Wappen der
Russischen Föderation, ausgewählt.
Die
Gesamtkosten des Projekts betrugen 30 Millionen Rubel [=ca. €770.000] – eine
ansehnliche Summe für die Stadt. Um den Bau anzufangen, hat man 10 Millionen
Rubel aus dem Haushalt der Stadt bewilligt und gleichzeitig ein Sonderkonto für
freiwillige Spenden eröffnet. Als erste reagierten darauf die Nowgoroder
Pädagoginnen und Pädagogen und die Veteranen des Großen Vaterländischen
Krieges; die Mitarbeiter der Verwaltung Welikij Nowgorods und die städtischen
Angestellten schossen ein Prozent ihres Gehaltes zur Errichtung des Denkmals
zu. Danach schlossen sich der Aktion Unternehmen und Organisationen der Stadt,
Schüler und Rentner an. […]
Kurz vor den Feierlichkeiten zum
Tag des Sieges [9. Mai] beschlossen die Abgeordneten der Nowgoroder
Gebietsduma, 10 Millionen Rubel für die Errichtung der Gedenkstätte „Stadt des
soldatischen Ruhmes“ bereitzustellen. Die Gesamtssumme der Spenden des Volkes,
die von 200 Organisationen und 7000 Privatpersonen bis dato eingetroffen sind,
beträgt über 6 Millionen Rubel. Ein weiterer Teil der Kosten wird aus dem Erlös
vom Verkauf von Kerzen im Rahmen der städtischen Aktion „Wir erinnern uns“
bestritten, die am 9. Mai mit einer Schweigeminute auf dem
Siegesplatz/Sophienplatz abgeschlossen wird. Die Leiter der Stiftung
„Soldatischer Ruhm“ hoffen aber, dass auch nach dem 65. Jahrestag des Sieges die
Spendensammlung für die Säule weitergehen wird, weil jeder eingehende Rubel
sofort zur Begleichung der Rechnungen überwiesen wird - die Bauunternehmen, wie
es so schön heißt, strecken ihre Arbeit vor. […]
Die Wochenzeitschrift Nowgorod
/ Городская еженедельная газета Новгород, 7.5.2010
[Autor: Michail Bogoljubow]
Erstmals eine
Vize-Gouverneurin für das Nowgoroder Gebiet
Laut Beschluss der Verwaltung des
Nowgoroder Gebiets wird mit Wirkung vom 5. Mai Veronika Minina in den zivilen
Staatsdienst des Gebiets übernommen und in Abstimmung mit der Nowgoroder
Gebietsduma zur ersten Vertreterin des Oberhauptes der Gebietsverwaltung für
die Dauer der Amtszeit des Gouverneurs ernannt. [….]
Die Wochenzeitschrift Nowgorod /Городская еженедельная газета Новгород, 29.4.2010
[Autor: Michail Bogoljubow]
Versuch der feindlichen Übernahme von Nowgoroder Unternehmen kommt vor
Gericht
Vom stellvertretenden
Generalstaatsanwalt für den föderalen Bezirk Nord-West Alexander Guzan wurde
die Anklageschrift in der Strafsache gegen Mitglieder einer organisierten
Gruppe in Zusammenhang mit dem Versuch einer feindlichen Übernahme von
Unternehmen auf dem Territorium des Nowgoroder Gebiets bestätigt.
Strafrechtlich belangt werden zwei Bürger Welikij Nowgorods: der
Generaldirektor der ZAO „Splav“ Wladimir Fjodorow, 56, und die
Generaldirektorin der OOO „Inter-Service“ Elena Muchina, 47. Die Ermittlung
wirft ihnen vor, im Jahr 2000 Mittel der OOO „Haus des Buchhalters“ in der Höhe
von 4,7 Millionen Rubel erpresst und in der Folge das illegal erlangte Geld
legalisiert zu haben. Außerdem wird Fjodorow Erpressung im Jahr 2007 von 20%
des Stammkapitals der OOO „Holding Maschinenbauwerke“ im Wert von 34,6
Millionen Rubel vorgeworfen sowie die betrügerische Aneignung von 19,87% des
Stammkapitals derselben Gesellschaft im Wert von 441,7 Millionen Rubel [= €11,7
Millionen]. ‚Danach haben die genannten Personen das durch kriminelle
Machenschaften erworbene Vermögen legalisiert’ – so die Mitteilung der
Staatsanwaltschaft.
Wladimir Fjodorow wird wegen
Erpressung und Betrug sowie bandenmäßiger Verschleierung unrechtmäßig erlangter
Vermögenswerte in besonders großem Maßstab [§§…] angeklagt. Elena Muchina wird
der Erpressung und der Verschleierung unrechtmäßig erlangter Vermögenswerte
bezichtigt [§§…].
Die Straftat wurde von der
Ermittlungsbehörde der Generaldirektion des Innenministeriums für den föderalen
Bezirk Nord-West untersucht. Für Fjodorow wurde Untersuchungshaft angeordnet,
Muchina wurde gegen 5 Millionen Rubel Kaution auf freien Fuß gesetzt. Die
Unterlagen der Untersuchung sind zur Prüfung an das Nowgoroder Stadtgericht
überwiesen worden.
Erläuterung: Im Artikel
fehlt jeglicher Hinwies auf die Hintergründe der Splav-Affäre, jegliche
Andeutung, dass die Geschichte vielleicht zwei Seiten hat. Es liegt also nahe,
dass die Leser von Nowgorod schließen,
mit Fjodorow und Muchina seien zwei hochkarätige Wirtschaftsgauner in die Fänge
der Fahnder geraten. Erste Leserreaktionen im Internetforum der Zeitung sind
auch entsprechend: „Verurteilen und einsperren muss man diese Schwindler und
Betrüger […].“ Dennoch entpuppt sich das Forum als mediendemokratisches
Korrektiv gegen die einseitige Berichterstattung im eigenen Blatt: Am 30.4.
schreibt ein weiterer Leser: „Für die, die nicht auf dem Laufenden sind, möchte
ich erklären, dass diese Affäre
fabriziert worden ist, um Fjodorow in Untersuchungshaft zu halten (seit 2
Jahren) und um auf ihn Druck auszuüben, um von ihm die Aktien von Splav zu
erpressen. Fjodorow selbst ist zurzeit Opfer einer feindlichen Übernahme
seitens hochrangiger lokaler und föderaler Beamten. Man hält ihn fest, bloß
weil er vor dem Gesetz unschuldig ist und gar nicht vorhatte, sich davon zu
machen. Die ganzen Banditen sind auf freiem Fuß, die soll man lieber verfolgen.
Das hat aber [für die da oben] wenig Sinn, da die Banditen eben nicht
Mehrheitspakete von Aktien großer, profitabler Unternehmen kontrollieren, die
man ihnen wegnehmen kann.“
Etwas mehr Licht – wenn auch
nicht Klarheit - in die Sache bringt ein Artikel in der überregionalen
unabhängigen („nezavisimyj“ = unabhängig) Nesawissimaja
gaseta / Независимая газета
vom 2.11.2010. Dort erfährt man, dass „Splav“ (=Metallegierung) mit seinen 3500
Mitarbeitern ein strategisch wichtiger Produzent von Ventilen und Armaturen für
Kernkraftwerke und Ölplattformen und unter den Unternehmen Nowgorods der
zweitgrößte Steuerzahler ist. Die marode Firma (ehemals „Kontur“) wurde nach
ihrer Privatisierung infolge des Zerfalls der Sowjetunion von Wladimir
Fjodorow, der bereits bei der Gründung 1980 (laut „Splav“ 1978) ihr Direktor
war, auf Vordermann gebracht und modernisiert, so dass sie nie mehr, auch in
Krisenzeiten, um staatliche Zuschüsse bitten musste; im Gegenteil, sie ist als
Sponsor für lokale Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser aufgetreten und war
auch ein wichtiger Geldgeber der 29. Hansetage und der Feierlichkeiten zum
1150. Jahrestag der Gründung Welikij Nowgorods im vorigen Jahr. Während der
Feierlichkeiten im September 2009 haben Arbeiter der Fabrik eine Sitzblockade
zur Unterstützung ihres schon damals seit eineinhalb Jahren in
Untersuchungshaft einsitzenden Direktors organisiert. Fjodorow habe selbst die
Demonstranten überzeugt, zur Vermeidung von Störungen stattdessen nur eine
Pressekonferenz abzuhalten. Deren Ausstrahlung im lokalen Fernsehen wurde aber
– von wem auch immer - verhindert.
Fjodorow
zum Verhängnis wurde laut „Nesawissimaja gaseta“ die im Mai 2008 geäußerte
Absicht, seine Mehrheitsanteile an „Splav“ an die staatliche Firma „Rosatom“ zu
verkaufen: der wichtige Zulieferer wäre zum Bestandteil der staatlichen
Kernenergie-Gesellschaft geworden. Laut weit verbreiteter Vermutung erklären
sich die Strafanträge und Fjodorows Inhaftierung dadurch, dass andere mächtige
private Interessenten die Firma übernehmen wollten – und dass sie die nötigen
Verbindungen besitzen, um die Staatsanwaltschaft gegen Fjodorow in Gang zu
setzen. Auch die Inhaber von Minderheitsanteilen an „Splav“ seien am –
lukrativeren – privaten Verkauf der Firma interessiert. Nach der Festnahme des
Direktors hat ein noch rechtzeitig als Hochstapler entlarvter „Vertreter“ der
Firma versucht, die gefälschten Mehrheitsaktien zu verkaufen! Jetzt läuft auch
gegen ihn ein Prozess.
Was lehrt uns diese skurrile
Geschichte? Etwa, dass wir uns hier im Westen freuen sollen, da unsere
Wirtschaft von solchen üblen finanziellen Machenschaften verschont bleibt?
Übersetzungen und Kommentar: Wasja Rotsel
Adressen
der Vorstandsmitglieder
Christel Franzen,
Kupferheide 39a, 33649 Bielefeld, Tel. 451 102
Eberhard Heyd, Bodelschwinghstr.
387, 33647 Bielefeld, Tel. 412 233
Brunhild Hilf, Schelpsheide
12, 33613 Bielefeld, Tel. 889 282
William Rotsel, Spandauer
Allee 16, 33619 Bielefeld, Tel. 105 668
Ulrike von Savigny, Auf der
Hufe 23, 33613 Bielefeld, Tel. 886 414
Lisa Schapansky,
Meindersstraße 3, 33615 Bielefeld, Tel. 9 890 301
Michael Schräder, Leiblstr.
99, 33615 Bielefeld, Tel. 882 909
Klaus Trillsch, Saarbrücker
Straße 19, 33613 Bielefeld, Tel. 887 930
Herausgeber: Kuratorium
Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod e. V.
Brunhild Hilf - Schelpsheide 12 - 33613 Bielefeld
Redaktion: Brunhild und
Rebecca Hilf
Konto des Kuratoriums:
Sparkasse Bielefeld BLZ 480 501 61, Kto.-Nr. 114041
Aus dem Rundbrief Nr. 69 vom März 2010
Am Rande beobachtet...
..., nämlich am Rande der
Jubiläumsfeier „1150 Jahre Welikij Nowgorod“ im September 2009. Der Verfasser
hatte die Gelegenheit, gemeinsam mit dem früheren Oberbürgermeister Eberhard
David und einem Dolmetscher als Vertreter des Kuratoriums Städtepartnerschaft
Bielefeld – Welikij Nowgorod e.V. und als Gast der Stadt Welikij Nowgorod an
den Jubiläumsfeierlichkeiten teilzunehmen. Dabei ergab sich die Möglichkeit,
gewisse Akzente zu erkennen, die sich Staat und Gesellschaft in der Russischen
Föderation seit der Wendezeit Anfang der 90-er Jahre gesetzt haben.
Als erstes fällt auf, vor allem
bei einer so sorgfältig und aufwändig vorbereiteten städtischen und
gesamtstaatlichen Jubiläumsveranstaltung, dass Nationalgefühl und Nationalstolz
der russländischen Staatsbürger sehr ausgeprägt sind, was von der „Macht“
nachhaltig gefördert wird. Am auffälligsten zeigte sich das an der gewaltig
großen Freiluftbühne auf dem zentral gelegenen Sophienplatz, die unübersehbar
mit den Nationalfarben Weiß-Blau-Rot großflächig eingerahmt war.
Bei einem abendlichen Festkonzert
für die offiziellen Gäste in der Philharmonie war bemerkenswert, dass Seine
Eminenz, der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kyrill als erster
Ehrengast äußerst feierlich und ehrfürchtig begrüßt wurde. Bei seinem –
zeitlich erheblich verzögerten – Einzug
in den Konzertsaal erhob sich das Publikum respektvoll von den Sitzen.
An diesem
Vorgang war beispielhaft zu erkennen, dass die Rolle der Russisch-orthodoxen
Kirche seit den (inzwischen längst entschwundenen) Jahren von Perestrojka und
Glasnost im öffentlichen Leben des Landes erheblich an Bedeutung gewonnen hat.
Diese Renaissance der Kirche wird auch sichtbar an zahlreichen
wiederhergestellten oder neu errichteten Kirchen- und Klostergebäuden. Das
heutige Verhältnis zwischen Staat und Kirche kann man durchaus als ein
neuerliches Bündnis von Thron und Altar bezeichnen. Wobei es allerdings der Staat
ist, der, wenn es drauf ankommt, das Sagen hat.
Das
Hauptportal der im Kreml gelegenen Sophienkathedrale, die bekannte Nowgoroder
Bronzetür, deren Reliefplatten Mitte des 12. Jahrhunderts in einer Magdeburger
Werkstatt hergestellt worden sind, ist rechtzeitig zum Stadtjubiläum neu
aufgearbeitet worden. Die beiden eindrucksvollen, großen Türflügel, auf denen
u.a. Szenen aus dem Alten Testament und dem Leben Christi dargestellt sind,
erstrahlen jetzt wieder in neuem Glanz.
Hingegen
haben die Verantwortlichen bisher darauf verzichtet, auch das düstere
Lenin-Denkmal auf dem Sophienplatz und das gewaltige Siegesmonument am
Steilufer des Wolchow „runderneuern“ zu lassen. Ganz im Gegensatz zu der
schlichten, würdigen Gedenkstätte mit dem ewigen Feuer für die im Zweiten
Weltkrieg Gefallenen der Sowjetischen Armee.
Dass viele
Russen leidenschaftliche Schachspieler sind, ist bekannt. Dass es aber auch
öffentliche „Schach-Häuser“ gibt, war für den Berichterstatter neu. Ein solches
Haus der Schachfreunde befand sich während der Festtage in der dicht bestückten
Ladenstraße zwischen Kreml und Sophienplatz. Im Inneren des Pavillons waren ca.
15 kleine Tische aufgestellt, mit Schachbrettern und den bei Schachprofis
üblichen Spezialuhren. Nach Wunsch konnte der Besucher mit einem der anwesenden
einheimischen Schachfreunde eine Partie spielen. Wer als auswärtiger Gast den
ersten Zug machte, konnte einen der liebenswürdigen Züge unserer russischen
Freunde im alltäglichen Leben bestätigt finden. Zugleich ging er aber auch das
nicht zu unterschätzende Risiko ein, die Partie zu verlieren.
Eberhard
Heyd
Kriegskindheiten in Russland und
Deutschland
Inhalte des Vortrags von Herrn Prof. Dr. H.H. Nolte auf der
Mitgliederversammlung des Kuratoriums am 16.11.09.
Da die Kindheit sehr vieler Kuratoriumsmitglieder, mich selbst
eingeschlossen, in eine Zeit in und nach
dem 2. Weltkrieg fällt (für die Russen „Vaterländischer Krieg“), war das Thema
nicht nur historisch interessant, sondern berührte sicherlich bei einigen
Zuhörern auch eigene Erfahrungen.
Professor Nolte hat sich im Herbst 2009 mit 20 anderen russischen und
deutschen Osteuropawissenschaftlern - alle zwischen 1935 und 1945 geboren – in
Moskau zu einer mehrtägigen Konferenz zum obengenannten Thema getroffen. Einer
der Teilnehmer, B. Bonwetsch (s.u.), hat das Tagungsergebnis anschließend
herausgegeben. Warum in der Gruppe der Befragten keine Durchschnittsbürger,
sondern ausschließlich Menschen zu Wort kamen, die nach dem Krieg als Professoren
der gehobenen Mittelschicht angehörten, erklärt der Vortragende mit
pragmatischen Gründen: eine solche Studie sei kostengünstig. Die Professoren
müsse man nicht extra suchen. Sie könnten sich mündlich und schriftlich gut
ausdrücken “…und täten dies nur allzu gern“. Außerdem hätten sie sich als
Kinder nicht von anderen Kindern unterschieden. In einer schriftlichen
Ausarbeitung des Themas kommt der Referent zu Ergebnissen, aus denen ich hier
zitieren werde:
„Wie wirkte der Krieg auf die Kinder? In der deutschen Erfahrung
standen Bombenkrieg, Kinderlandverschickung und für diejenigen, die östlich
Oder und Neiße geboren wurden, Vertreibung sachlich im Vordergrund der
Erfahrungen. Kernpunkt der westdeutschen Debatte wurde vor allem das
Verwaistwerden.
Anders als in den deutschen Befragungen kommt in allen Berichten von
den russischen ‚Kriegskindern’ Hunger vor. Frau Saposchnikowa schreibt, dass der Vater schon 1941 fiel und die Mutter
versuchte, die drei Kinder am Leben zu halten. Im Sommer kochten sie Suppe aus
wilden Kräutern, aber im Winter waren sie darauf angewiesen, dass die Menschen,
die Hofparzellen hatten, ihnen Kartoffeln abgaben. Frau Thomas berichtet von
einem besonderen Fall, weil die Mutter Kosakin und der Vater Mennonit war; sie
fliehen innerhalb Sibiriens und bleiben unter russischem Namen immer nur so
lange, bis sie den Behörden verdächtig werden. Sie versuchen, alles ‚zur Ware
zu machen’, was sie besitzen, um zu überleben; entscheidend ist, dass die
Großmutter eine Kuh besitzt. Herr Tsfasman, der aus Gomel in die Gegend von
Orenburg evakuiert wurde, schreibt, dass man ständig ans Essen dachte und er
sich 1948 zum ersten Mal sattessen konnte. Die Mutter von Pawlow ‚tat alles
Mögliche und Unmögliche, um uns vor dem Hungertod zu bewahren’ – aber sie wird
denunziert, als sie ein Kleid gegen Mais tauscht und stirbt im Kontext des
Strafprozesses. Er beschreibt das Essen – Frühstück aus Pellkartoffeln und
heißem Wasser (manchmal mit einem Schuss Milch ‚geweißt’), mittags Kohl oder
rote Beete und Kartoffeln, abends Pfannkuchenfladen aus Kartoffelmehl, das man
vorher ausgepresst hatte, um die Stärke herauszuziehen. Auch das Brot besteht
zum großen Teil aus Kartoffeln. Im Frühjahr suchen die Kinder Sauerampfer am
Fluss und fangen auch mal einen Fisch. Auch Pawlow erinnert 1946/47 als das
Jahr, in dem am meisten gehungert wurde. Suchorukow beschreibt den Hunger im
Winter 1941/42 in Leningrad: ‚Um den Hunger irgendwie zu stillen, nagten wir an
den kleinen Zweigen irgendwelcher Sträucher, leckten die gekalkten Wände ab,
saugten Tischlerleim aus den Möbeln und knabberten an Buchrücken, weil auch sie
mit Leim aufgeklebt waren, der Stärke enthielt.’ Er entgeht dem Hungertod, weil
er mit einem Kinderheim im Frühjahr 1942 über den Ladogasee evakuiert wird. Nur
Filitow schreibt, dass er nicht hungern musste. Jerin berichtet, ‚wir
überlebten, starben nicht vor Hunger, an Unterernährung, auch wegen der Kuh’.
Warum war der Hunger derart prägend? Sowohl in der deutschen wie der
russischen Geschichtsschreibung wird manchmal übersehen, dass Hunger ein
geplanter Teil der deutschen Besatzungspolitik in der UdSSR war. (…) Es war ein
grundsätzliches Ziel des Ostfeldzugs, in Osteuropa einen bevölkerungsarmen
‚leeren’ Raum zu schaffen, in dem dann Deutsche siedeln könnten. Konkret war es
das Ziel der deutschen Regierung, Getreide und andere Nahrungsmittel aus den
eroberten bzw. zu erobernden Gebieten für deutsche Zwecke zu nutzen (…).
Das Scheitern der sowjetischen Winteroffensive 1941/42 nach der
Schlacht vor Moskau hatte für die Nahrungsmittelversorgung der UdSSR sehr
ähnliche Wirkungen wie die, welche die deutsche Führung mit dem Abtrennen des
Getreide produzierenden Südens vom industriellen Norden im Sommer 1941 geplant
hatte. Der Norden Russlands hungerte also, weil die Zufuhr von Nahrungsmitteln
aus dem Süden unterbrochen war und weil die Zahl der Menschen, die im Norden
lebten, vergrößert worden war…. Mitte und Norden Russlands haben weithin Böden
aus Grund- und Endmoräne, die mit Sandflächen, Mooren und Moränenrücken oft
wenig fruchtbar sind - eigentlich nur dort, wo Seen verlandeten. Hinzu kommt,
dass diese Gebiete während der Hälfte des Jahres Temperaturen unter dem
Gefrierpunkt haben, so dass keine Frucht angebaut werden kann, die mehr Monate
braucht, um reif zu werden. Die Humusdecken entsprechen den
Vegetationsperioden, denn nur, wo viel wächst, kann auch viel Humus entstehen.
Zwar gibt es also Anbauflächen für Roggen, aber mehr eben für Kartoffeln,
Zwiebeln, Kohl und andere Hackfrüchte, die mit kurzen Vegetationsperioden
auskommen. (…) Ohne die Lebensmittellieferungen aus den USA wäre die Todesrate
sowjetischer Menschen im Kriege noch deutlich höher gewesen. (...) Auf die
Hungersnot bis zum Ende des Krieges folgte im Kontext des mühsamen
Wiederaufbaus und nach dem abrupten Abbruch der amerikanischen
Lebensmittellieferungen 1946/47 eine weitere Hungersnot in der UdSSR, der etwa
eine Million Menschen zum Opfer fielen. (...)
Im Vergleich der Erinnerungen deutscher Kriegskinder mit russischen und
daraus, dass in fast allen Erinnerungen der Russen der Hunger eine große Rolle
spielte, begreift man eher, wie unterschiedlich die Lebensverhältnisse auf
beiden Seiten der Front waren. (...) Der Hunger war ein wichtiger Teil der
demographischen Katastrophe, welche der Zweite Weltkrieg für die UdSSR und alle
Nachfolgestaaten bedeutet hat. (...) Der Hunger in Deutschland hatte keineswegs
dieselbe Größenordnung wie die Hungersnot 1941-1944 in der damaligen UdSSR.
Niemand hatte wirklich vor, die Deutschen verhungern zu lassen oder genauer –
als Morgenthau Pläne der Entindustrialisierung Deutschlands vortrug, die
vielleicht auf so etwas hinausgelaufen wären, gab es in Kanada und den USA eine
derartige Empörung, dass diese Vorhaben nicht weiter verfolgt wurden. (…)
Das Genre Erinnerungsliteratur ist in Deutschland weit verbreitet;
Erinnerungen an die Zeit des Weltkriegs, an Flucht und Vertreibung sind
tausendfach veröffentlicht und mehrfach sogar verfilmt worden. Sofort nach
Kriegsende setzten diese Publikationen ein und gehen seitdem weiter. (…) Aus
dem Vergleich wird deutlich, dass solche Erinnerungen in Russland kein
derartiges Massenphänomen sind. Etabliert war in der UdSSR ein eigenes Genre
der Erinnerungen an heldenhafte Taten an der Front oder als Partisan. (…) Auf
der russischen Seite war die Beschäftigung mit den Traumata der Kriegskindheit
unbekannt oder zum heroischen Bild erstarrt. (…) Sicher waren die Gründe für
das „Vergessen“ z. T. politischer Natur, Erinnerungen an einen Alltag, der zu
dem Bild vom siegreichen Sozialismus wenig passte, wurden nicht gefördert. Ein
anderer Grund war aber vielleicht auch, dass die Individualisierung im Westen
weiter gegangen ist als in Osteuropa. Im Westen mit seinem hohen Lebensstandard
nehmen viele Menschen sich Zeit und Gelegenheit, sich mit sich selbst und der
eigenen Geschichte zu befassen. In ärmeren Weltgegenden, in denen die Sorge um
das tägliche Brot mehr Zeit in Anspruch nimmt, hat diese Beschäftigung mit sich
selbst eine ähnlich breite Öffentlichkeit (noch?) nicht erreicht.“
Vielleicht
kann die Konferenz dazu beitragen, wenn - wie Professor Nolte hofft - das von
B. Bonwetsch herausgegebene Buch mit den Tagungsberichten ins Russische
übersetzt wird, dass sich die Wissenschaft auch in Russland einmal mit der
Analyse von Kriegsfolgen auf Kinder befasst (aus denen nur in diesem Fall
zufällig lauter Professoren wurden). Tabus werden ja nicht sofort gebrochen,
sondern eher langsam und in der Stille. Dass die Zeit reif dazu ist, hat der
Vortrag deutlich gemacht.
Literatur:
B. Bonwetsch (Hrsg.) Kriegskindheit und Nachkriegsjugend in zwei Welten, Essen
2009, 29.50 €
Ulrike von Savigny
Vermischtes aus der Nowgoroder Presse
Viele von uns haben wohl im Restaurant „Detinez“* im Nowgoroder Kreml
bei einer Einladung oder einer Abschiedsveranstaltung ein leckeres
altrussisches Abendessen genossen. Das Restaurant, das seit 1968 existiert,
befindet sich teils im Pokrow-Turm der Kremlmauer, teils im Gebäude der
ehemaligen, sich an den Turm anschmiegenden Mariä-Schutz-Kirche (Церковь Покрова Пресвятой Богородицы). Die gerichtlich angeordnete und vom
Bürgermeister verfügte Schließung des Restaurants am 24. Dez. 2009 hat die
Gemüter in Welikij Nowgorod kräftig erhitzt und bietet den Stoff für eine
lebhafte öffentliche Diskussion – und wäre gut geeignet als Gegenstand einer
soziologischen oder politikwissenschaftlichen Untersuchung über die versteckten
Machtstrukturen, auch auf Kommunalebene, in der heutigen russischen
Gesellschaft. Und der hier in deutscher Übersetzung abgedruckte Zeitungsartikel
könnte als Beispiel für die journalistische Behandlung von heiklen Themen in der
offiziellen, staatlich finanzierten und kontrollierten russischen Presse
dienen.
Man wird aus dem Artikel nicht wirklich schlau, er ist voll von
kryptischen Andeutungen und versteckten Anspielungen, Transparenz scheint kein
Ziel zu sein. Ein Abgeordneter der städtischen Duma wird regelrecht demontiert
– ob zu Recht oder nicht, ist unklar. Der Erzbischof Lew wird in einem Satz als
Anstifter der ganzen Angelegenheit ins Spiel gebracht, aber Details und Belege
oder eben ein Dementi fehlen. Andere Medien munkeln, dass Lew und sogar der
Patriarch von Moskau und ganz Russland Kyrill I. bei der Regierung interveniert
haben, weil es ihnen ein Dorn im Auge ist, dass in einer Kirche ein Restaurant
betrieben wird. (Nach Bielefeld darf man sie also nicht einladen.)
Das Restaurant ist tatsächlich über die Stadtgrenzen hinaus recht
bekannt; seine im Artikel wenig schmeichelhaft dargestellte Betreiberin Galina
Elisarova hat im Jahr 2004 den „Goldenen Kranich“ erhalten für ihren „Beitrag
zur Renaissance der Gaststättenkultur in Russland.“ Der angeprangerte
Stadtduma-Abgeordnete A.A. Moiseew ist
anscheinend als unabhängiger Kandidat in die Duma gewählt worden und ist dort
Vorsitzender der „ständigen Kommission für die Entwicklung des kleinen und
mittleren Unternehmertums und des Tourismus.“ Der Nowgoroder Oberbürgermeister
Bobryschew, der die Schließung des „Detinez“ verfügt hat, hat einen Sohn
Wladimir, der zufällig Besitzer einer Reihe von Restaurants ist – Konkurrenten
des „Detinez“ eben. Und schließlich sollte man wissen, dass Beanstandungen
wegen Verstößen gegen die Brandschutzbestimmungen zum probaten Mittel geworden
sind für Vorgehen gegen für gewisse Behörden unliebsame Institutionen und
Betriebe. Aber nach der Brandkatastrophe in Perm im letzten Dezember (155 Tote)
haben auch die ganz legitimen feuerpolizeilichen Inspektionen und Schließungen
im ganzen Land drastisch zugenommen.
Die Schließung des „Detinez“ ist kein weltbewegendes Ereignis, die
Affäre, die darum entstanden ist, birgt aber lehrreiche Einsichten in das
Funktionieren des gesellschaftlichen Systems, einschließlich dem der
Publizistik.
*(Das
Wort „Detinez“ [детинец] war bis zum 14. Jh. die
Bezeichnung für das, was seitdem „Kreml“ genannt wird – und für beide Wörter
gibt es eine Vielzahl von sich widersprechenden etymologischen Erklärungen.) Wasja Rotsel

Leidenschaften und Merkwürdigkeiten
Aus den Nowgoroder
Nachrichten vom 23.1.2010
Diese Woche ist die vom
Gebietshauptamt des föderalen Ministeriums für Zivil- und Katastrophenschutz (МЧС) gesetzte Frist für die
Beseitigung der bei einer Inspektion des Nowgoroder Restaurants „Detinez“
zahlreich festgestellten Verstöße gegen die Brandschutzbestimmungen abgelaufen.
Die Forderungen des Amtes sind nicht erfüllt worden. Aber die Leidenschaften,
die um den „Detinez“ entbrannt sind, haben damit nichts zu tun.
In den Medien ertönen Aufrufe zur
Rettung des beliebten Restaurants, das ja nicht nur in Nowgorod, sondern im
ganzen Land bekannt ist. Oder „auf der ganzen Welt“, wie der Abgeordnete der
Duma der Stadt Welikij Nowgorod Andrej Moiseew sagt, der auch als
ehrenamtlicher Anwalt des Restaurants auftritt. Seine flammenden Reden [gegen
die Schließung des „Detinez“] wimmeln von düsteren Vokabeln, wie „auf
Bestellung“, „Korruption“, „Drohung“, „Überfall“ und anderen mehr.
Einverstanden, diese Geschichte
enthält eine Menge Merkwürdigkeiten. Aber die Merkwürdigkeiten führen nicht
unbedingt zu uneingeschränkter Anteilnahme mit den „Vertriebenen“. Die Meinung
ist weit verbreitet, dass alles vom Erzbischof „angestiftet“ wurde. Fakt ist,
dass bereits am 14. Mai des Vorjahres das Nowgoroder Gebietsamt der föderalen
Agentur für die Verwaltung des Staatsvermögens der „Detinez“-GmbH den
Pachtvertrag gekündigt hat – wegen Zahlungsverzug beim Pachtzins. Die Vorwürfe
waren stichhaltig (das muss sogar Herr Moiseew zugeben), und das Restaurant hat
sich auch beeilt, den Rückstand zu begleichen. Aber die Räumlichkeiten
verlassen will es nicht. Deshalb hat das Amt dem Geschäftspartner nochmals eine
gütliche Trennung vorgeschlagen: Am 18. Juni wurde die „Detinez“-GmbH
aufgefordert, die Liegenschaft bis zum 21. September zu räumen. Als die Frist
abgelaufen war, begannen die Verhandlungen vor Gericht.
Es gäbe viel zu sagen über
Traditionen und Wahrzeichen. Und umso mehr über die schwierige Situation der
Menschen, die im „Detinez“ arbeiteten. Man könnte auch die Kunden fragen, ob
sie in letzter Zeit mit allem in der Gaststätte zufrieden waren – mit der
Qualität der Speisen, dem Service, den Preisen. 3000 bis 4000 Rubel [€70 - €95]
pro Person für ein Menü mit Getränken – ist das ein Wahrzeichen? Aber wir kommen vom Thema ab.
Im Prinzip haben wir es hier mit
zwei Geschäftspartnern zu tun. Der eine bekam Zweifel bezüglich der
Gewissenhaftigkeit des anderen und schlug vor, die Geschäftsbeziehungen zu
beenden. Dabei hat er keine Killer und keine Gangster angeheuert, sondern hat
seine Ansprüche ganz und gar zivilisiert begründet. Im Gegenzug hat der
fehlbare Partner aber nicht versucht, die Missverständnisse auszuräumen,
sondern ist zum Angriff übergegangen. Bei der gerichtlichen Voruntersuchung hat
„Detinez“ gegen das Vermögensverwaltungsamt Gegenklage erhoben und die
Annullierung des Pachtvertrags verlangt. (Es fragt sich nur, warum er dann den
Vertrag bis zum Frühjahr 2009 erfüllt hat?) Dies brachte nur einen Teilerfolg:
der Gerichtstermin wurde um einen Monat verschoben. Wie zu erwarten war, fiel
am 25. November die Entscheidung zugunsten des Klägers (des
Vermögensverwaltungsamtes).
Ich erinnere: Unsere Zeitung ist
seit langem auf dem Laufenden. Wir berichteten von der Situation schon am 8.
Dezember, einen Tag nachdem der „Detinez“ für 60 Tage wegen Verstößen gegen die
Brandschutzbestimmungen geschlossen wurde. Durch einen Entscheid des
Stadtgerichts, wohlgemerkt. Die Leiterin des „Detinez“, Galina Elisarowa,
teilte damals unserem Korrespondenten mit, dass sie gegen den Entscheid
Berufung einzulegen gedenke. Hat sie aber nicht. Ebenso wenig hat sie
fristgerecht Berufung gegen die Kündigung des Pachtvertrags beim Schiedsgericht
eingelegt.
Also, wer ist im Unrecht? Derjenige,
der nach dem Buchstaben des Gesetzes gehandelt hat oder derjenige, der
versucht, die Angelegenheit nach den Regeln des Verbrechermilieus zu lösen? Die
Frage ist, versteht sich, rhetorisch. Weil Herr Moiseew als Anwalt des
„Detinez“ fungiert, der sich gerne auf
das Gesetzt beruft, selbst aber nach den Gesetzen der Unterwelt lebt. […] Als er von der Nowgoroderin N. eine
Zweizimmer-Wohnung mietete, hat er ab dem 1. Juli 2005 vertragsgemäß die Miete
bezahlt. Dann plötzlich im letzten September beschloss er, die Zahlungen auf
ein Drittel zu kürzen. „Warum, hat er nicht gesagt“, beklagt sich die
Vermieterin. „Er lässt mich nicht in die Wohnung ’rein und er weigert sich,
’raus zu ziehen. Ich habe ihm viele Kündigungen geschickt, aber er sagt, er
hätte sie nie bekommen. Schließlich habe ich den Abgeordneten verklagt, weil es
so aussieht, als hätte er vor, in meiner Wohnung auf ewig zu bleiben.“
Die
Gutmütigkeit von Frau N. hat Andrej Anatoljewitsch, übrigens, weidlich
ausgenützt. Laut Nina Michajlowna N. brauchte Moiseew, als er für die Duma zu
kandidieren beschloss, eine Registrierung (Anmeldung). Also überredete er die
Dame, ihn als wohnhaft in [ihrem] Haus im Dorf Rakomo im Kreis Nowgorod
anzumelden. Hinterher musste Frau N. die fiktive Anmeldung vor Gericht
rückgängig machen, was mit großen Schwierigkeiten verbunden war, und noch
gestern hatte sie vor, mit dem Gerichtsentscheid zur Verwaltung ins Dorf zu
fahren.
Solche
Vertreter und Schützer des Volkes haben wir also. Ihre Kleider sind weiß. Aber
nur nach außen. Was den „Detinez“ angeht, hat die regionale Verwaltung nicht
vor, die in eine schwierige Lage geratenen ehemaligen Angestellten sich selbst
zu überlassen, sondern wird, falls nötig, bei der Arbeitssuche behilflich sein.
Außerdem, wie uns Denis Besrukow, Leiter des staatlichen Amtes für den Schutz
des Kulturerbes beim regionalen Kulturausschuss, mitteilt, sucht man im
Nowgoroder Kreml nach Räumlichkeiten, die für eine „zeitgemäße Verwendung“
geeignet wären – einschließlich für ein Restaurant mit altrussischer Küche. Es
gibt schon verschiedene Möglichkeiten.
Gennadij Rjabkin
Rundbrief Nr. 68
November 2009
Sehr verehrte, liebe Mitglieder und Freunde Welikij
Nowgorods!
Hiermit lade ich Sie ein zur
öffentlichen
Mitgliederversammlung am Montag, dem 16.11. um 20 Uhr
in Raum 240 der Ravensberger Spinnerei
(VHS) im Ravensberger Park 1
Unser Referent an diesem Abend wird Prof. Dr.
Hans-Heinrich Nolte sein, der Osteuropäische Geschichte an der Universität
Hannover lehrte. Im Oktober 2009 nahm er teil an einer Konferenz in Moskau über
"Kriegskindheiten in Russland und Deutschland" und wird
darüber berichten. Dieses Thema wird in interdisziplinärer Zusammenarbeit
erforscht.
Von psychoanalytischer Seite kam der Anstoß, die historische
Forschung nahm ihn auf und untersuchte die Kindheit und das weitere Schicksal
derer, die zwischen dem Ende der 1920-er Jahre und den letzten Kriegsjahren
geboren wurden.
Erziehung während der durch die nationalsozialistische bzw.
stalinistische Ideologie geprägten Zeit, Kriegserfahrungen: Bomben,
Vertreibung, Kinderlandverschickung, Vaterlosigkeit – wie wirkten sich diese
traumatischen Erfahrungen im späteren Leben aus?
Wo liegen die Unterschiede zwischen deutschen und russischen
Kindern?
Welche Rolle spielt und spielt der Opferstatus in der
politischen Auseinandersetzung?
Wie intensiv wird das Thema aufgearbeitet: Gibt es hier
Unterschiede zwischen Deutschland und Russland?
Das Thema verspricht einen berührenden und anregenden Abend!
Seien Sie
herzlich willkommen!
Brunhild Hilf
1150
Jahre Welikij Nowgorod
Kuratoriumsreise
zum Jubiläumsfest unserer Partnerstadt
Im Jahre 2007, anlässlich der Nowgoroder Tage in Bielefeld, luden uns
die Vertreter der Stadt Welikij Nowogord ein, ihre Stadt, unsere Partnerstadt,
im Jahre 2009 zu zwei herausragenden Anlässen zu besuchen. Erstmals fand vom
18. – 21. Juni der Internationale Hansetag der Neuzeit in einer russischen
Stadt, in Welikij Nowgorod, statt, und vom 19. – 21. September feierte die
Stadt ihr 1150-jähriges Bestehen.
Die Reisegruppe des Kuratoriums fuhr daher vom 16. – 24. September mit
22 Personen zu dem großen Stadtjubiläumsfest. Einige Reisende waren zum ersten
Mal in Welikij Nowgorod, andere im Jahre 2006 bei den Bielefelder Tagen und
ich, der Berichterstatter, war vor 15 Jahren das letzte Mal in Welikij Nowgorod
gewesen. So waren die Erwartungen an die Reise ganz unterschiedlich.
Gleich am Donnerstag, 17.09., nach unserem Anreisetag, machten wir
eine Stadtführung mit „unserer“ Svetlana Cvetkova. Sehr viel hatte sich in den
Jahren verändert. Die Stadt präsentiert sich nun von ihrer besten Seite, und
ich glaube, nicht nur wegen des Jubiläums. Die Gebäude im Zentrum sind
liebevoll renoviert und restauriert.
Die goldene Kuppel der Sophien-Kathedrale strahlt über der Stadt und
dem Kreml. Die Parkanlagen waren alle sehr gepflegt und die Vorbereitungen zum
großen Stadtjubiläum warfen ihre Schatten voraus. Ich war sehr angenehm
überrascht.
Der Freundschaftsverein hatte uns dann zu einem festlichen Abend in
den Räumen der Deutschfakultät eingeladen. Nach einem bunten Programm mit dem
Chor der Studenten, zwei tollen, lustigen Sketchen, Tanzdarbietungen und
Gesangsvorträgen dreier Studentinnen in russischer und französischer Sprache
saßen wir noch lange bei Tee und Kuchen in der Bibliothek mit den Studentinnen
und Studenten beisammen, bei angeregter und interessanter Unterhaltung.
Am nächsten Tag machten wir eine Rundreise mit dem Bus zum
Freilichtmuseum „Vitoslavlicy“, dem wunderschön renovierten Jurjevkloster und
der Halbinsel Peryn mit der Klause der Gottesgebärerin, einem wundervollen,
kleinen Kirchlein mit einer ganz besonderen Aura. Geheimtipp, sehr
empfehlenswert.
Nach einem Konzert des Nowgoroder Orchesters für Volksinstrumente am
Abend im Zentrum „Dialog“ war der Besuch in Gastfamilien oder bei Freunden
vorgesehen. Unsere Freundschaftsgesellschaft hatte für „passende“ Gastfamilien
gesorgt. Teilweise hatten sich die Gastgeber und Gäste schon am Vortag beim
Freundschaftsabend kennen gelernt.
Die nächsten drei Tage standen ganz im Zeichen des Stadtjubiläums. Am
Samstag war um 11.00 Uhr die festliche offizielle Eröffnungsfeier auf dem
Sophienplatz vor dem Kreml.
Eine große Bühne, mit den russischen Staatsfarben geschmückt, bot den
Rahmen für eine imposante Zeremonie mit einer Tanzdarbietung junger Leute, mit
dem Vorbeimarsch von Fahnenträgern aller benachbarten und befreundeten Städte -
auch das Bielefelder Wappen war zu sehen - sowie mit einem Schauexerzieren zu
Fuß und zu Pferde des Wachregiments des Präsidenten der Russischen Föderation
in historischen Uniformen.
Über die ganze Stadt verteilt gab es Vorführungen der verschiedensten
Art: Konzerte, Spiele für Kinder, Ausstellungen, einen mittelalterlichen Markt
mit landwirtschaftlichen und handwerklichen Produkten des Nowgoroder Gebietes
und vieles mehr.
Den Abschluss dieses Tages bildete eine spektakuläre Lasershow am
Volchov über die Geschichte der Stadt mit anschließendem riesigem
Feuerwerk.
Der Sonntag stand zur freien Verfügung, und man konnte mit seinen
Freunden die Darbietungen des Stadtfestes ansehen.
Am Montag besuchte unsere Reisegruppe dann den Deutschen
Soldatenfriedhof Pankovka, und nach einer ergreifenden Rede von Godehard
Franzen legten wir zum Gedenken an die Kriegsopfer einen Kranz am Kreuz nieder.
Anschließend trafen wir uns mit
Veteranen im Kreml, um auch hier einen Kranz für die russischen
Kriegsopfer am Ewigen Feuer niederzulegen. Hier hielten Christel Franzen und
ein russischer Veteran die Reden, und es war für alle ein ergreifender Moment
mit symbolträchtigem Charakter.
Am nächsten Tag besuchten einige interessierte Mitreisende und unsere Reiseleiterin, Kirsten Hartmann, das
Behinderten- und Rehazentrum „Viktorija“ für Kinder und Jugendliche. Hierher
hatte das Kuratorium Spendengelder überwiesen bzw. persönlich überbracht. Wir
konnten uns von dem sinnvollen Einsatz der Gelder überzeugen und bewunderten
den hingebungsvollen und aufopfernden Idealismus der Ärzte, Psychologen, Therapeuten
und Pflegekräfte.
Eine Schiffsfahrt auf dem Volchov
bis zum Jurjevkloster am Ilmensee bildete am nächsten Tag den offiziellen
Abschluss unserer Reise, bevor es am Donnerstag, den 24. September, wieder
zurück nach Bielefeld ging.
Einen herzlichen Dank möchte ich
allen sagen, die zum Gelingen der Reise beigetragen haben, der Stadtverwaltung
von Welikij Nowgorod, dem Freundschaftsverein, Svetlana Cvetkova und ganz
besonders Kirsten Hartmann, unserer hervorragenden Reiseleiterin.
Ich weiß für mich, dass ich
bestimmt nicht wieder 15 Jahre brauche bis zur nächsten Reise in unsere
Partnerstadt Welikij Nowgorod.
Armin Sachse
Einladung
Wir laden Sie ein zu einem Welikij-Nowgorod-Treff
am 14. Januar 2010 im Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindehaus Am Brodhagen 36. Wir
werden uns dann Bilder des Jubiläums anschauen und aktuelle und wichtige Themen
besprechen.
Eine Silberne Ehrennadel
Kurz
vor dem Ende seiner Amtszeit hat unser Oberbürgermeister Eberhard David fünf
Bürger unserer Stadt mit der Silbernen Ehrennadel für besonderes
ehrenamtliches Engagement augezeichnet;
darunter waren zwei, die sich für die Beziehungen zu Welikij Nowgorod
einsetzen: Frau Brunhild Hilf und Herr Dr. Klaus Trillsch.
Ich habe zuerst gezögert, diese
Ehrung anzunehmen, habe dann aber zugestimmt in dem Bewusstsein, dass jeder
Preis nicht nur dem persönlich Ausgezeichneten gilt, sondern vielen anderen
Menschen, mit denen er ihn eigentlich teilen müsste. So spreche ich hier Ihnen
allen und insbesondere den ehemaligen und derzeitigen Vorstandsmitgliedern
meinen Dank dafür aus, dass sie immer wieder bereit waren und sind, Herz
und Sinn zu öffnen für die Belange der Bürger unserer russischen Partnerstadt
und ihnen die Hand zu reichen.
Meine Dankesworte an Herrn E. David anlässlich der Verleihung
der Ehrennadel am 27.8.2009 im Alten Rathaus habe ich in ein Plädoyer für
Welikij Nowgorod und unsere Arbeit gefasst:
Sehr verehrter Herr David!
Unsere Familie kam im Jahre 1983
von Heidelberg nach Bielefeld.
Meine Dankesworte könnten eine
Antwort sein auf die Frage: wieso Nowgorod mir geholfen hat, mich in Bielefeld
heimisch zu fühlen.
Es werden drei Abschnitte sein,
drei Blickrichtungen: ein Rückblick, ein Blick auf Menschen, die in der
Partnerschaft eine besondere Rolle spielen, und ein kleiner Ausblick in die
Zukunft.
Als im Herbst 1983 in Bielefeld
wie an anderen Orten Deutschlands Menschen auf die Straße gingen, protestierten
sie dagegen, dass hier amerikanische Raketen aufgestellt werden sollten, Cruise
Missiles und Pershing II-Raketen, die Ziele in der UdSSR hätten treffen können.
Manche Demonstranten erinnerten sich daran, dass rund 40 Jahre vorher
deutsche Soldaten nach Osten gefahren waren, um die als minderwertig geltenden
slavischen Völker zu vernichten und deren Land als Lebensraum für die arische
Herrenrasse zu usurpieren. Die Scham darüber ließ sie nicht in Ruhe – ebenso
wie die Angst, Ähnliches könnte sich in Zukunft wiederholen.
Die Erinnerung an diese finstere
gemeinsame Zeit färbte so manche Begegnung am Anfang, war doch die Stadt am Wolchow
im 2. Weltkrieg fast völlig zerstört worden. Aber so wurde die Idee
geboren, Brüder und Schwestern in einer russischen Stadt zu suchen und zu
finden. Denn auf Familienmitglieder schießt man nicht.
Der Versöhnungsgedanke
beseelte und beflügelte engagierte Bielefelder, und die Begeisterung ihrer
Aktivitäten steckte auch die Entscheidungsträger hier und in Nowgorod an, so
dass vier Jahre später der Partnerschaftsvertrag unterzeichnet werden konnte:
am 17.September 1987.
Um uns ein Bild von dieser Stadt
zu machen, die vor 22 Jahren Bielefelds 5. Partnerstadt wurde, möchte ich Sie
bitten, mit mir einen Zeitsprung zu tun in das Jahr, in dem Bielefeld
gegründet wurde: in das Jahr 1214.
Господин Великий Новгород – der Herr Groß Nowgorod (so nannte sich die Stadt) –
– besaß damals einen Freiheitsbrief,
der ihm die republikanische Unabhängigkeit gegenüber dem ersten Staat auf
russischer Erde, der Kiever Rus`, bescheinigte: diese Autonomie war 200 Jahre
vorher erkämpft worden;
– sie war Mittelpunkt eines Reiches,
das von der Ostsee, dem Nordmeer über die Waldajhöhen, wo die Wolga entspringt,
bis zum Ural reichte, wo man Silber schürfte;
– sie hatte neben dem fürstlichen
Bürgermeister seit 50 Jahren einen Erzbischof
und regelte wichtige
Angelegenheiten in einer Volksversammlung, dem „вече“;
– sie hatte seit 15 Jahren den ersten Hanse-Handelsvertrag
überhaupt „mit allen
deutschen Städten und mit den
Gotländern und mit allen Völkern lateinischen Glaubens“ (so die Stadturkunde);
– sie nahm sich das Recht heraus, Fürsten, die
zur Unzeit „auf dem Wolchow Wildenten und auf dem freien Felde Hasen gejagt,
einem Bürger den Hof, einem anderen Silber geraubt und Ausländer aus der Stadt
vertrieben hatten“ zu verjagen, in der Stadtchronik hieß es dann: „sie zeigten
ihnen den Weg“ – „показаша путь“.
Die – nach langem Widerstand –
endgültige und grausame Unterwerfung unter die Moskauer
Zentralherrschaft im Jahre 1570 beendete die lange stolze,
freiheitlich-demokratische Epoche der Geschichte Groß-Nowgorods.
Zwar ist die goldene Kuppel der
Sophienkathedrale das offizielle Emblem des im kommenden Monat zu feiernden
1150-jährigen Jubiläums, aber die Heilige Sophia ist nicht mehr die Allegorie
der Souveränität Nowgorods wie im kämpferischen 15. Jahrhundert, sondern
das offizielle Konzept der Feierlichkeiten betont den gesamt-russischen
Charakter des Festes.
Kehren wir zurück zur Entwicklung
der Städtepartnerschaft: neben dem vertraglich festgelegten Austausch
offizieller Delegationen traten viele andere Bürgergruppen miteinander in
Kontakt und bereits im ersten Jahr auch Einzelpersonen, die einander vorher
nicht kannten.
Wurden sie zu Schwestern und
Brüdern? So einfach gestaltete sich dies nicht: Nowgorod ist per Luftlinie fast
2000 km entfernt, seine Bürger lebten in
einem Staat, der damals ein völlig anderes Gesellschaftssystem und damit
ein anderes Menschenbild hatte. Die Perestrojka und der Zusammenbruch
der UdSSR rüttelte dann die Wirtschaft, das Selbstverständnis der Russen
und ihr Wertesystem gehörig durcheinander – keine ruhigen Zeiten für
Neuorientierungen.
Was beförderte dennoch die
Entstehung freundschaftlicher Beziehungen? An erster Stelle die überaus
großherzige Gastfreundschaft des russischen Volkes. Auf beiden Seiten
wuchs die Neugier füreinander, die Freude am Austausch mit Gleichaltrigen, mit
Berufskollegen, allen voran die Pädagogen, mit Menschen, die das gleiche Hobby
pflegen (Musiker, Tänzer, Schachspieler, Sportler...). Die Geschichte der
Beziehungen zwischen Bielefeldern und Nowgorodern ist vielgestaltig,
unübersehbar die vielen Beiträge vieler, vieler Menschen.
Wen soll ich heute hier
persönlich nennen? Menschen, die Besonderes beigetragen haben, die
stellvertretend für viele stehen oder Menschen, die mir besonders viel
bedeuten?
In der Literaturwissenschaft
steht die Zahl 3 für Vollkommenheit, zusammen mit der 4 – addiert
oder multipliziert - ergeben sich die bedeutsamen Zahlen 7 und 12, heilige
Zahlen. So möchte ich auf deutscher Seite 3 und auf russischer Seite 4 Personen
nennen:
Es gibt einen schönen,
respektvollen russischen Gruß: низкий поклон
– eine tiefe Verneigung – entbiete ich Rudolf Lange, Dieter Schwerdtfeger
und Dietrich Becker:
Sie verliehen der Idee durch ihr
Wirken Inspiration und Kraft.
Als erste auf der russischen
Seite der Wegbereiter nenne ich Svetlana Ivanovna Cvetkova, eine
profunde Kennerin der Kunst, der Architektur und der Geschichte der Stadt
Nowgorod und der Seelen ihrer Bewohner: sie hat diese vielen 100-en
Bielefeldern nahegebracht. Ihre guten Kenntnisse sozialer Institutionen machen
sie zur vorzüglichen Beraterin für uns, wenn es um die sinnvolle Verwendung des
Gehaltscents geht.
Faszinierend für mich als
Pädagogin ist der „Klub junger Matrosen“ – eine hohe Schule der Seemannskunst,
besucht wird diese Schule von Schülern in ihrer Freizeit, bis sie ausgebildet
sind, den Ernstfall zu bestehen: wer wie Kapitän Nikolaj Gennadijevitsch Varuchin
in den Zeiten staatlicher Bevormundung Jugendlichen beibringt, wie sie in
voller Verantwortung ein Schiff über die Weltmeere bewegen, verdient größte
Hochachtung. (Dass dort keine Schülerinnen zugelassen werden, halte ich für
einen Fehler.)
Außerordentliches hat auch
Vladimir Ivanovitsch Povetkin hervorgebracht: als er bei Ausgrabungen
Reststücke von Musikinstrumenten fand, weigerte er sich, diese wie üblich im
Museum in einer Vitrine auszustellen. Nein, er erkundete auf musikhistorischen
Exkursionen ihr ursprüngliches Aussehen und ihre kulturelle Bestimmung,
restaurierte sie eigenhändig (er hat wahrhaftig „zolotye ruki“, d.h.
goldene, begabte Hände) und erweckte ihren Klang zu neuem Leben. Heute leitet
er ein musikhistorisches Zentrum.
Der vierte ist der Nomade, wie
sein Familienname sagt, der – wie er gern hervorhebt – herumgehen darf, wenn
andere stehen und applaudieren: Aleksandr Alekseevitsch Kotschevnik, denn
er muss dann fotografieren. Er hat den ursprünglichen Pioniergeist nie
aufgegeben, mit ihm zusammen durfte ich viele Luftschlösser bauen und sie auf
ihr Fundament setzen.
Lieber,
verehrter Herr David! Ihnen hat diese Städtepartnerschaft in den 20 Jahren
Ihrer Dienstzeit als Oberbürgermeister besonders am Herzen gelegen. Im ersten
Jahr Ihrer Amtszeit begrüßten Sie die jungen Seeleute, die vom Emdener Hafen
auf dem Landweg nach Bielefeld kamen, um auf dem Rückweg Bielefelder Jungs mit
an Bord nach Nowgorod zu nehmen. Ihre ausgewogene Beratung und zupackende
Unterstützung hat die Arbeit des Kuratoriums stets klug und tatkräftig
begleitet, vor allem anlässlich der
Festwochen in den Jahren 2006 und 2007. Ich danke Ihnen für diese
großartige Kooperation zwischen Professionellen in der Stadt und Ehrenamtlichen
auf unserer Seite und besonders für Ihr persönliches Engagement.
Welche Baustellen zeichnen
sich ab für unsere Arbeit?
Stellvertretend nenne ich 3
Bereiche:
1. Seit wenigen Jahren erst sind Behinderte
in Russland kein Tabuthema mehr. Der Gehaltscent der Bielefelder städtischen
Mitarbeiter erlaubt uns, etliche Einrichtungen zu unterstützen, die mit
Behinderten arbeiten. Über die materielle Hilfe hinaus wünsche ich mir auch
fachlichen Austausch auf diesem Gebiet.
2. Russischsprachige Mitbürger
unter uns haben mitunter Integrationsschwierigkeiten. Das wunderbare
Gehörlosentheater aus Welikij Nowgorod in Zusammenarbeit mit einer Bielefelder
Pädagogin und Schauspielerin ist dabei, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln,
das Schule machen könnte. Der Deutsch-Russische-Austausch in Berlin und St.
Petersburg entwickelt ähnliche Arbeitsformen.
3. Ein weites Feld, das die
Zukunft des Lebens auf unserer Erde bedroht, sind ökologische Fragen.
Ich stelle mir vor, dass auch sie eine größere Rolle spielen könnten in unserer
partnerschaftlichen Zusammenarbeit.
Werden aus
den Bürgern unserer Städte Brüder und Schwestern? Es sind viele Freunde und
Freundinnen, viele gute Kollegen, auch Ehepaare erwachsen aus dieser Verbindung
– so kann es weitergehen.
Ein Nowgoroder Maler stellte mich beim Besuch seiner
Vernissage den Anwesenden und dem Fernsehen als „seine Schwester“ vor. Er
meinte dies im geistig-seelischen Sinne. Viele nahmen es für BARE MÜNZE: mit
solchen Pfunden lässt sich trefflich wuchern!
Wir Bielefelder können stolz auf
unsere Bruderstadt Welikij Nowgorod sein.
Brunhild Hilf
Ein halbes „Gorodischtsche“ als
Geschenk
Die alte Residenz der russischen Fürsten, das Gorodischtsche Rjuriks,
das dicht neben dem heutigen Nowgorod liegt, bekam kurz vor der
1150-Jahres-Feier die Chance, zum Mekka für Touristen und Archäologen zu
werden.
Seit die Stadt Nowgorod im Jahr 1998 durch den Erlass des
russischen Präsidenten wieder zu „Welikij Nowgorod“ (Großnowgorod) und ihr ein
Jahr später die westliche Seite des Hügels auf dem das Dorf Gorodischtsche
liegt, zugeschlagen wurde, erfolgte jetzt dank der hartnäckigen Forderungen der
Nowgoroder Duma - nachdem zuvor städtische und Gemeindechefs gemeinsam zur
Ortsbesichtigung gefahren waren - auch die Rückgabe der restlichen Hektar Land,
die im Mittelalter dazu gehört hatten.
Historiker und Archäologen sind
glücklich über dieses Geschenk.
(Nowgorod, Städtische Wochenzeitung Nr. 37, S.9, 27.9.09)
Die Adressen unseres Vorstands
Karin Clasmeier,
Bossestr. 21, 33615 Bielefeld, Tel. 173 502 oder 9 216 325
Christel
Franzen, Kupferheide 39a, 33649 Bielefeld, Tel. 451 102
Eberhard Heyd,
Bodelschwinghstr. 387, 33647 Bielefeld, Tel. 412 233
Brunhild Hilf,
Schelpsheide 12, 33613 Bielefeld, Tel. 889 282
Kirsten
Hartmann, Oelmühlenstr. 105, 33604 Bielefeld, Tel. 1 369 528 oder 68 294
(Apotheke)
Werner Matthes,
Babenhauser Str. 30, 33619 Bielefeld, Tel. 892 364 (privat) oder 86 039 (8 – 17
Uhr)
William Rotsel,
Spandauer Allee 16, 33619 Bielefeld, Tel. 105 668
Ulrike von
Savigny, Auf der Hufe 23, 33613 Bielefeld,
Tel. 886 414
Michael
Schräder, Leiblstr. 99, 33615 Bielefeld, Tel. 882 909
Herausgeber: Kuratorium
Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod e. V.
Brunhild Hilf
- Schelpsheide 12 - 33613 Bielefeld
Redaktion:
Brunhild und Rebecca Hilf
Konto des Kuratoriums:
Sparkasse Bielefeld BLZ 480 501 61, Kt
25. Jahrgang
Nr.67 /Juni 2009
Einladung
zur öffentlichen Mitgliederversammlung
am Montag, dem 8. Juni 2009 um 20 Uhr
in Raum 240 der Ravensberger Spinnerei
(VHS) im Ravensberger Park 1
Sehr verehrte, liebe Mitglieder und
Freunde Welikij Nowgorods!
Zu unserer sommerlichen Mitgliederversammlung haben wir als Referenten Stefan Melle eingeladen. Er
ist Geschäftsführer des Deutsch-Russischen Austausches (DRA) in Berlin;
dieser Verein unterstützt gemeinsam mit seiner gleichnamigen
Partnerorganisation in St. Petersburg nichtstaatliche soziale
Einrichtungen, Bürgerinitiativen und
Menschenrechtsorganisationen in Russland, der Ukraine und Belarus. Der DRA
fördert ihre Kooperation mit anderen Sektoren der Gesellschaft, organisiert
gemeinsame Projekte und Austauschprogramme. Darüber hinaus realisiert der DRA
EU-Projekte, betreibt eine Freiwilligenagentur und berät als Experte für
Osteuropa Stiftungen, Akteure der Politik und andere Multiplikatoren. Auch
die Integration russischsprachiger Migranten in Deutschland durch deren
Qualifizierung für ehrenamtliches Engagement gehört zu seinem Arbeitsbereich.
Aufgrund dieser Arbeit in zivilgesellschaftlichen Wachstumsprozessen hat
Herr Melle tiefe Einblicke in die Entwicklung Osteuropas bekommen, an denen er
uns teilhaben lassen wird.
Herr Melle hat in Berlin und Moskau Osteuropa-Wissenschaften
und Politologie studiert, als Journalist und Publizist gearbeitet und bei
Publikationen über die rechtsstaatliche Entwicklung Russlands und über Putin mitgewirkt.
Wir versprechen uns von diesem Abend Anstöße zur Reflexion
über unser Tun und Impulse für künftiges Weiterarbeiten.
Es wäre schön, wenn Sie kommen und mithören, mitdenken,
mitfragen und mitplanen!
Brunhild Hilf
Ein Dank mit Bildern
Im Winter 1993/94 zeigte das Zentrum für
interdisziplinäre Forschung an der Universität Bielefeld eine Ausstellung mit
Werken des Nowgoroder Malers Dmitrij Kondratjew. Dieses „Fenster nach
Europa“, als solches hat der Künstler damals diese Ausstellung wahrgenommen,
hat sich in der Folge für ihn weit geöffnet und Liebhaber seiner Kunst
angelockt, ihm aber auch Inspiration geschenkt für sein weiteres Schaffen. Fast
70-jährig ist er im Januar 2008
verstorben.
In seinem Testament
verfügt er, dass eine Gruppe seiner Bilder erneut den Weg nach Bielefeld nehmen
soll, um seine Dankbarkeit zu zeigen gegenüber der Stadt, die ihm so viel neuen
Lebensmut und -erfolg geschenkt hat. Wir planen, die Bilder im Oktober
im Foyer des St. Franziskus-Hospitals zu zeigen; sie können dann auch
erworben werden. Der Erlös ist nach dem Willen D. Kondratjews für einen
sozialen Zweck bestimmt.
Brunhild
Hilf
Über
die Schwierigkeiten der Orthodoxie im
modernen Russland
Die
online-Zeitschrift der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen “Kultura“
(www.kultura-rus.de) besteht seit 2005. Sie erscheint zweimonatlich und bietet
- auch für Laien gut lesbar - wissenschaftlich fundierte Analysen über die
Vielfalt und Gegensätzlichkeit des russischen Kulturlebens. Die aktuelle
Ausgabe Nr.2-09 befasst sich mit der heutigen Situation der Orthodoxie.
Kaleidoskopartig beleuchten fünf
Aufsätze die verwirrende Situation.
Die amerikanische Journalistin Sophia Kishkovsky berichtet über das
Schicksal religiöser Literatur seit der
Oktoberrevolution und die wichtige Rolle, die die russischen Emigranten aus den
USA und ihre kleine Organisation RBR, (religious books for Russia), 1979
gegründet, für ihre Erhaltung gespielt haben. Die in Amerika gedruckten und zum
größten Teil ins Russische übersetzten Bücher und Broschüren erreichten die
Sowjetbürger lange Zeit nur als Schmuggelware. Erst seit 1992 ist
der Versand legal und immer noch wichtigste Informationsgrundlage für Gläubige
und Interessierte in Russland. Der Zusammenschluss der Russischen Orthodoxen
Kirche mit der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland fand 2007 unter
Präsident Putin statt. Seit Gorbatschow waren auch in Russland schon eigene
kleine Verlage der seit 1979 bestehenden
RBR entstanden, aber noch im Jahr 1998 wurden in vielen russischen
Priesterseminaren die Bücher amerikanischer und anderer ausländischer Theologen
zur Orthodoxie als zu liberal
abgelehnt. Acht Jahre vorher war der für die Ökumene eintretende Moskauer
Priester Aleksandr Men noch auf offener
Straße ermordet worden.
Heute
sei die Situation grundlegend anders, beteuert die Autorin. Manchmal seien es
die Bischöfe selbst, die Bücher bei RBR, längst
in Zusammenarbeit mit russischen Verlagen, für ihre Priesterseminare
anforderten. Aber der Mangel, vor allem an Kinderliteratur, sei
weiterhin groß. Um einen breiten
Leserkreis zu erreichen, werden auch viele kostenlose Broschüren verteilt.
Ein Priester aus Pskow, der
außer 24 (!) Gemeinden noch ein Gefängnis und ein Kinderheim zu betreuen hat,
schrieb an den Verlag, dass er große Hilfe durch die Literatur erführe. Ein
anderer berichtete aus Kolyma, einem Ort trauriger Berühmtheit durch den GULAG.
„Danke für die Bücher! Hier am Ende der
Welt ist es wirklich schwierig, Bücher zu finden, die man braucht“.
Gleichzeitig bat er um DVDs mit Predigten des aufgeklärten Metropoliten A.
Bloom, der in London das Moskauer Patriarchat vertreten hat. Der weiter
gespannte Horizont der ausländischen religiösen Literatur ist für diese Menschen
tröstlich und überlebenswichtig.
Über
einen anderen Ausschnitt russischen orthodoxen Lebens berichtet die Autorin Olga Sweschnikowa in ihrem Bericht über
die neue Universitätskirche in Omsk, wo zum ersten Mal ein weltliches
Hochschulsystem orthodoxe Priesterausbildung ermöglicht. Der Grund war
zunächst banal - das Bistum Omsk-Tara hatte kein eigenes Priesterseminar- aber die Notlage führte zu einem Experiment
mit sehr gutem Ausgang.
Im Gegensatz zu
Kirchenbesuchern in anderen russischen
Städten ist die Gemeinde hier vorwiegend jung. Die Studenten verschiedenster
Fakultäten kommen während ihrer
Studienzeit „oft mit sehr vagen
religiösen Vorstellungen“ in den Gottesdienst, halten dann nach Abschluss des
Studiums aber den Kontakt zur Gemeinde und bringen ihre Kinder und Familie zum Abendmahl mit in die Kirche.
Die Universitätsgemeinde
ist fortschrittlich und aktiv. Die Kunststudenten der pädagogischen
Universität haben ihre Kirche „ Zur Heiligen Märtyrerin Tatjana“ eigenhändig
mit Mosaiken ausgeschmückt. Die Jugendlichen aus der Gemeinde
feiern und spielen an kirchlichen
Festtagen zusammen. Es gibt eine Sonntagsschule und Intensivkurse
zur orthodoxen Liturgie, die an allen Werktagen abends stattfinden. Hierbei
unterrichten sich Gemeindemitglieder gegenseitig, die Fortgeschrittenen die
Neuanfänger. Die Jugendlichen aus der Gemeinde dürfen sowohl an den
Veranstaltungen des Bistums, wie auch an Ausstellungen und überkonfessionellen
Konferenzen teilnehmen. Hier zeigt sich auch der Reichtum einer multiethnischen
und multikonfessionellen Stadt: In der südwestsibirischen Millionenstadt
Omsk leben 79 verschiedene Religionsgemeinschaften. Die Anzahl der
Protestantischen Gemeinden ist mit 33 erstaunlich hoch.
Aus Platzgründen habe ich
mich auf diese beiden, mir besonders interessant scheinenden, Aufsätze
beschränkt. Auch die übrigen Beiträge seien Ihnen anempfohlen.
Inzwischen
schickt die Redaktion von ‚Kultura‘ einen verzweifelten Appell aus: die
„Gerda-Henkel- Stiftung“, die die Zeitschrift zwei Jahre lang unterstützt hat,
fällt ab Jahresmitte als Sponsor weg. Die Suche nach neuen Sponsoren läuft zwar
auf Hochtouren, aber eine Übergangszeit kann nur durch private Spenden
überbrückt werden. Vielleicht kann es durch Ihre Hilfe sogar gelingen, einen
langfristigen neuen Sponsor ausfindig zu machen.
Wir vom Vorstand finden, dass es ein Riesenverlust wäre,
wenn diese um Zwischentöne und sorgfältige Recherchen bemühte Zeitschrift
eingestellt werden müsste. Das Institut der Forschungsstelle Osteuropa ist als
gemeinnützig anerkannt, Spenden sind also steuerlich absetzbar.
Bankverbindung
: Forschungsstelle Osteuropa, Konto-Nr.1228 7868, Spark. Bremen, BLZ 290 501
01, Verwendungszweck ‚Spende für Kultura‘.
Ulrike
von Savigny
Zweites Strafverfahren gegen Michail Chodorkowskij
Michail Chodorkowskij war als Vorstandsvorsitzender
des sehr erfolgreichen, aber inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos einer
der zahlreichen russischen sog. Oligarchen (Großunternehmer) und Milliardäre.
Im Gegensatz zu den meisten seiner Berufskollegen hat er sich den ehemaligen
Präsidenten Wladimir Putin zum erbitterten Feind gemacht, indem er der
Kremlverwaltung - nicht zu Unrecht - öffentlich Korruption
vorwarf und zugleich politische Ambitionen zu entwickeln begann.
Der Kreml schlug schließlich zurück.
Chodorkowskij wurde im Oktober 2003 unter spektakulären Umständen während einer
Geschäftsreise verhaftet und im September 2005 unter dem Vorwurf des Betrugs,
der Veruntreuung und der Steuerhinterziehung zu 8 Jahren Lagerhaft verurteilt.
Die Strafe verbüßte er bisher in einer Strafkolonie im südöstlichen Sibirien.
Z. Zt. sitzt er in einem Untersuchungsgefängnis in Moskau.
Inzwischen ist ein zweites Strafverfahren
gegen den prominenten Strafgefangenen eingeleitet worden, diesmal unter dem
Vorwurf u. a. des Diebstahls von Rohöl in großen Mengen und der Unterschlagung.
Das Verfahren wird vor einem Moskauer Strafgerichtshof durchgeführt. Nach
Aussage seiner Verteidiger drohen dem Angeklagten in dem neuen Verfahren bis zu
22 Jahre Haft.
Der neue Präsident der Russischen Föderation,
Dmitrij Medwedjew, hat wiederholt erklärt, er werde für eine echte
Unabhängigkeit der Justizbehörden des Landes sorgen. Ablauf und Ergebnis des
neuen Strafverfahrens gegen Chodorkowskij werden beispielhaft zeigen, ob es
Medwedjew gelingt, diese Zusage einzuhalten.
Eberhard Heyd
Gehaltscent
Mit dem Bericht über das Kinderheim in Schimsk und
über die Eltern-Behinderten-Initiative Rodnitschok, in der Sebastian Stahl arbeitet, haben Sie in
den letzten Rundbriefen zwei Projekte kennen gelernt, die wir mit dem
Gehaltscent unterstützen. Weitere Gelder kommen anderen Institutionen zugute,
die mit behinderten Kindern und Jugendlichen arbeiten oder aber mit solchen aus
verwahrlosten Familien.
Außerdem fördern wir ein Projekt, das mit Kindern
unter dem Motto "Ich entscheide mich für das Leben" Informationstage
über Drogenmissbrauch veranstaltet und so Suchtprophylaxe betreibt. Wir möchten
auch das Gynäkologieprojekt des Franziskushospitals weiter unterstützen.
Brunhild Hilf
Siegfried Lenz
erinnert an Lew Kopelew
Seit 2001 wird in Köln der Lew-Kopelew-Preis
verliehen an Menschen, die im Geiste des Namensgebers tätig sind. Andere
Empfänger des Preises waren zuletzt Hans Küng (2006) und Memorial, die
russische Menschenrechtsorganisation
(2002).
Am 29.3.2009 erhielt ihn Siegfried Lenz. In seiner Laudatio
würdigt er den Germanisten und Humanisten
Lew Kopelew:
„Der Aufklärung verpflichtet, traf Lew Kopelew eine
Entscheidung, die man nur mit Bewunderung und Bewegung zur Kenntnis nehmen
kann, eine einzigartige Entscheidung. Er suchte Lager mit deutschen
Kriegsgefangenen auf. Er hielt Vorträge. Zu ihnen, die unter Hunger und Heimweh
litten, sprach er nicht über die Lehren des Marxismus, sondern über deutsche
Kultur, über den unzerstörbaren Geist des Landes, das seinem eigenen Volk ein
beispielloses Unglück gebracht hatte. Er sprach über Hölderlin, über Kant und
Hegel, er rief den Erschöpften, den Besiegten, ins Gedächtnis, was sie einst
besaßen und brachte ihnen im Elend des Lagerlebens die Werke von Dürer und
Cranach nahe. Es darf wohl angenommen werden, dass es für viele seiner Zuhörer
eine erste Begegnung mit deutschem Geist war, und ich stelle mir vor, wie sie
auf die tiefen Kenntnisse des Vortragenden reagierten. Dass sich neben
Erstaunen eine unwillkürliche Bewunderung zeigte, scheint mir gewiss, und ich
halte es nicht für ausgeschlossen, dass, wenn auch nur bei einigen, eine
unerwartete Empfindlichkeit für das eigene Tun entstand. Die geltende
Rechtsprechung erkannte in diesen Lehrstunden eine „Glorifizierung der
bürgerlichen deutschen Kultur“. Wir können es anders auslegen; wir können darin
eine Ethik des Verzeihens erkennen. Eine Bestätigung übrigens hörten wir von
Heimkehrern, die nach langer Gefangenschaft in ihren Berichten oft genug die
Mitmenschlichkeit des russischen Volkes erwähnten, seine Hilfsbereitschaft und
auch sein Mitleid.“ (...)
„Die Anklage, der sich der Major der Roten Armee Lew Kopelew
gegenüber sah, lautete auf „bürgerlich-humanistische Propaganda des Mitleids
mit dem Feind“. Das Militärtribunal verhängte als damals angemessenes Strafmaß:
zehn Jahre Straflager.“ (...) „Nach den Schrecken des Krieges
und nach überstandenen Straflagern übersetzte er Goethe und Anna Seghers,
schrieb Biographien über Heine und Brecht und schuf mit seinem Buch über
„Faust“ ein Zeugnis der Aufklärung, das, denkt man an Thomas Mann, einer
Erkundung deutscher Wesensart gleichkommt.“ (...)
Als Teilnehmer an Menschenrechtsaktionen verlor er
1968 seine Dozentur als Literaturwissenschaftler, reiste auf Einladung von Heinrich Böll und
Marion Gräfin Dönhoff 1980 nach Köln und verlor 1981seine russische
Staatsbürgerschaft; 1990 erhielt er sie zurück.
Sein
Lebenswerk ist der Verteidigung der Freiheit des Wortes gewidmet, das Brücken
baut zwischen Menschen
verschiedener Herkunft.
Brunhild
Hilf
Die Adressen unseres Vorstands
Karin Clasmeier,
Bossestr. 21, 33615 Bielefeld, Tel. 173 502 oder 9 216 325
Christel
Franzen, Kupferheide 39a, 33649 Bielefeld, Tel. 451 102
Eberhard Heyd,
Bodelschwinghstr. 387, 33647 Bielefeld, Tel. 412 233
Brunhild Hilf,
Schelpsheide 12, 33613 Bielefeld, Tel. 889 282
Kirsten
Hartmann, Oelmühlenstr. 105, 33604 Bielefeld, Tel. 1 369 528 oder 68 294
(Apotheke)
Werner Matthes,
Babenhauser Str. 30, 33619 Bielefeld, Tel. 892 364 (privat) oder 86 039 (8 – 17
Uhr)
William Rotsel,
Spandauer Allee 16, 33619 Bielefeld, Tel. 105 668
Ulrike von
Savigny, Auf der Hufe 23, 33613 Bielefeld,
Tel. 886 414
Michael
Schräder, Leiblstr. 99, 33615 Bielefeld, Tel. 882 909
Herausgeber: Kuratorium
Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod e. V.
Brunhild Hilf
- Schelpsheide 12 - 33613 Bielefeld
Redaktion:
Brunhild und Rebecca Hilf
Konto des
Kuratoriums: Sparkasse Bielefeld BLZ 480 501 61, Kto.-Nr. 114041
Einladung zur Jahreshauptversammlung
am Montag, dem 2. März 2009 um 20 Uhr
in Raum 240 der Ravensberger Spinnerei
(VHS) im Ravensberger Park 1
Verehrte, liebe Mitglieder und Freunde
Welikij Nowgorods!
Im ersten Teil des Abends wird der
Vorstand seinen Jahresbericht (siehe Tagesordnung in der Innenseite dieses
Rundbriefes) abgeben.
Im zweiten Teil wird Dr. Klaus
Trillsch vom Franziskus-Hospital über sein "Gynäkologie-Projekt"
sprechen.
Am Ursprung der Kooperation
zwischen Geburtshelfern und Hebammen in Bielefeld und Welikij Nowgorod steht
eine russische Mutter, die ihren ersten Sohn 1981 in Russland, den zweiten 1996
in Deutschland auf die Welt brachte und aufgrund der Unterschiede die Situation
für Gebärende und ihre Neugeborenen in ihrer Heimat verändern wollte. Ihre
Wünsche und Vorstellungen fanden Gehör in einer Nowgoroder Klinik; das
Franziskus-Hospital nahm gastfreundlich Abgesandte von dort auf und ließ sie hospitieren. Hier entstand sodann
der Kontakt zu dem Gynäkologen Dr. Klaus Trillsch, der seit 2003 mit einigen
Kliniken des Nowgoroder Gebietes einen intensiven Fachaustausch pflegt, welcher
sich nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern in ganz praktischen Erfahrungen
darstellt. Wie in einem Land Kinder auf die Welt kommen, dies hat sehr viel zu
tun mit dem Menschenbild, das man dort pflegt.
Ich freue mich
auf einen anregenden Abend und heiße Sie herzlich willkommen!
Brunhild Hilf
Als
Zivi in Russland?
Wir fragen uns
manchmal, welchen Ertrag die "Bielefelder Tage in Welikij Nowgorod"
2006 und die "Welikij Nowgoroder Tage in Bielefeld" 2007 gehabt
haben, und sind überzeugt davon, dass viele Einzelbegegnungen das Verständnis
der Bürger der Partnerstädte für einander vertieft haben. Manche Kontakte
werden lange halten und das Leben der Beteiligten verändern. Gewiss ist dies
der Fall bei Sebastian Stahl, der – obwohl damals Schüler im Abiturjahrgang –
sich zu den Anfängern in der Klasse 11 auf die Schulbank setzte, um Russisch zu
lernen. Sein Plan, als Zivildienstleistender ein ganzes Jahr in Welikij
Nowgorod zu arbeiten, wurde durch die neuen Visabestimmungen durchkreuzt: nach
3 Monaten musste er wieder heimfahren. Nun suchen wir mit ihm nach Möglichkeiten,
zurückzukehren. Denn: der hier folgende Bericht zeigt, dass er das sehr gerne
tun möchte und – auch gebraucht wird.
Am 9. Januar 2009 kehrte ich nach drei erlebnisreichen
Monaten aus Welikij Nowgorod zurück. Das vergangene Vierteljahr hatte ich in
der Stadt als Freiwilliger für das Sozialprojekt „Rodnitschok“ gearbeitet, eine
Betreuungseinrichtung für junge Menschen mit Behinderungen. Das
Rodnitschok-Zentrum ging 1996 aus einer Elterninitiative hervor und hat sich
seitdem unter der Leitung seiner Gründerin Olga Andreeva kontinuierlich
weiterentwickelt. Heute arbeiten in der Einrichtung Frau Andreeva und zwei
feste Mitarbeiter sowie zahlreiche freiwillige Helfer.
Eltern, deren Kinder eine Behinderung haben, können ihre
Kinder tagsüber im Zentrum betreuen lassen. Auf diese Weise ermöglicht man den
Jugendlichen eine Abwechslung im Alltag und gibt ihnen die Möglichkeit, sich
auch mit anderen Jugendlichen zu sozialisieren. Ihre Eltern erhalten dadurch
die Möglichkeit, ihrem Alltag oder einer Arbeit nachzukommen. Das Alter der
Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die das Zentrum in den drei Monaten besuchten,
war sehr unterschiedlich und lag zwischen 14 und in Einzelfällen bis zu 30
Jahren. Ein fester Kern dieser Betreuten kommt regelmäßig jeden Tag, während
andere vielleicht wöchentlich oder seltener vorbeischauen. Manche der Betreuten
sind so selbstständig, dass sie den Weg zum Zentrum jeden Tag allein
zurücklegen; andere sind darauf angewiesen, von ihren Verwandten gebracht zu
werden. Dies hängt stark von ihrer individuellen Behinderung ab; viele dieser
Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben eine Kombination aus geistiger und
körperlicher Behinderung. Auch Rollstuhlfahrer besuchen das Zentrum regelmäßig,
sind aber in der Minderheit. Zweimal am Tag gibt es im Zentrum eine Mahlzeit,
die in der eigenen Küche von den Mitarbeitern zubereitet wird. Jede dieser
Tageshälften wird mit Angeboten wie gemeinsames Basteln, Malen, Singen, Spielen
oder Lernen ausgefüllt, die Jugendlichen können jedoch oft auch selbstständig
über ihre Zeit verfügen und sich je nach Möglichkeit einer Beschäftigung
zuwenden - besonders beliebt war bei einigen von ihnen das Schachspiel. An zwei
Tagen in der Woche bietet eine Musikpädagogin ein kleines interaktives Programm
an, welches bei den Jugendlichen sehr beliebt ist.
Für weitere
Abwechslung sorgen in unregelmäßigen Abständen die Besuche mancher
Grundschulklassen oder Studenten, diese präsentieren den Jugendlichen dann
kleinere Theater- oder Musikaufführungen. Im Sommer unternimmt man gemeinsame
Fahrten und besucht Sehenswürdigkeiten der Region. Da das Non-Profit-Projekt
sich zunächst nur durch Spenden finanziert, hat es sich zur Existenzsicherung
einen kleinen Nebenverdienst aufgebaut, in dem es seine Räumlichkeiten ab und
an für Touristen mit oder ohne Behinderung zur Übernachtung anbietet.
Die drei Monate, die ich bei Rodnitschok mitgeholfen habe,
vergingen sehr schnell. Ich hatte mich schneller, als ich zuvor erwartete,
einleben können und wurde sofort in den Alltag der Einrichtung eingebunden. Die
Mitarbeiter um Olga Andreeva sind sehr herzliche Menschen, die sich bemühen, den
behinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine angemessene Betreuung im
Zentrum und damit eine Abwechslung in ihrem Alltag zu ermöglichen. Täglich
waren zwischen zehn und zwanzig Jugendliche und junge Erwachsene im Zentrum,
die meisten von ihnen kamen gleich zu Beginn am Morgen. Zusammen mit meinem
Kollegen begann der Tag daraufhin mit gemeinsamen Fitness- und Motorikübungen.
Die Ansage dieser Übungen wurde mit großer Freude von einem der Jungen, sowohl
körperlich als auch geistig behindert, übernommen. Danach folgte das Programm
der Musikpädagogin, eine Ansprache, ein gemeinsames Spiel oder aber eine Phase
der Selbstbeschäftigung. Oft hieß dies für mich, dass ich mit einem oder
mehreren der Jugendlichen Schach, Mühle oder ein anderes Spiel spielte – diese
Brettspiele sind überaus beliebt; vor allem Schach. Manchmal aber hatte auch
jemand den Wunsch, etwas Deutsch oder Englisch von mir zu erfahren, so dass wir
zusammen Vokabeln lernten. Auch kleinere Spaziergänge in der nächsten Umgebung
waren Teil des Vormittages. Darauf folgte das gemeinsame Mittagessen, bei dem
es meine Aufgabe war, einem jungen Mann zu assistieren. Für den Nachmittag
waren oftmals kleinere Angebote unter Anleitung geplant. Es wurde gemalt,
gewerkelt, mit Knete modelliert oder gemeinsam das Lesen, Schreiben oder
Rechnen vertieft. Nach der Volljährigkeit besuchen die Jugendlichen in der
Regel keine Sonderschule mehr, und so finden sie bei Rodnitschok weiterhin eine
kleine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten etwas auszubauen oder zu erhalten. Der
Abschluss des Tages war das gemeinsame Teetrinken, zu dem es auch immer etwas
Süßes gab. Danach verließen die ersten Betreuten das Zentrum, und der Tag
endete gegen 17 Uhr.
Parallel zu der
Tätigkeit im Zentrum selbst arbeitete ich zusätzlich zweimal in der Woche mit
zwei jungen Frauen, die aufgrund ihrer Behinderung momentan keine Möglichkeit
haben, Rodnitschok regelmäßig zu besuchen – denn auch Hausbesuche gehören zum
Angebot des Zentrums. Und so unternahmen wir Spaziergänge oder übten zur
Abwechslung vom Alltag gemeinsam Fremdsprachen.
Abschließend kann ich über meinen
Aufenthalt sagen, dass ich sehr froh bin, über das Kuratorium an das
Rodnitschok-Zentrum vermittelt worden zu sein. Die Erfahrungen, die ich dort
machte, sind sehr positiv. Obwohl die finanziellen Mittel des Zentrums knapp
bemessen sind, habe ich dort eine engagierte, angemessene Betreuung der
Jugendlichen erlebt. Besonders die positive Haltung, die bei vielen dieser
Jugendlichen trotz ihrer Behinderung zu spüren war, hat mich beeindruckt.
Sebastian Stahl
Tagesordnung der
Jahreshauptversammlung
1. Jahresberichte
1.1 Bericht
der Vorsitzenden
1.2 Bericht
des Kassenwartes
1.3 Stellungnahme
und Entlastung durch die Rechnungsprüfer
1.4 Aussprache
über die Arbeit des Kuratoriums
1.5 Entlastung
des Vorstandes
2. Neuaufnahmen
3. Vortrag von
Dr. K. Trillsch
An den Botschafter
der Russischen Föderation in
Deutschland
im Januar 2009
|
Mord an
dem Rechtsanwalt Markelow und an der Journalistin Baburowa in Moskau
am 19.
Januar 2009
Meine Freunde und ich sind seit vielen Jahren mit den
Menschen Ihres Landes und deren Wohlergehen in aufrichtiger Sympathie
verbunden. Wir betätigen uns aktiv im Rahmen einer langjährigen und sehr
lebendigen Partnerschaft zwischen unserer Stadt Bielefeld und der Stadt
Welikij Nowgorod. Immer wieder besuchen uns Bürger aus der altehrwürdigen
Metropole im Nordwesten Russlands, worüber wir uns jedes Mal sehr freuen.
Um so mehr haben wir
mit Entsetzen und Abscheu erfahren müssen, dass vor wenigen Tagen, am 19. Januar 2009, der Rechtsanwalt Stanislaus
Markelow (34) und die Journalistin Anastasja Baburowa (25) in Moskau auf
offener Straße erschossen worden sind. Dieser unfassbare, brutale Mordanschlag hat
offensichtlich politische Hintergründe, denn der hinterrücks erschossene
Rechtsanwalt hat u.a. Mandanten vertreten, die unter massiven
Menschenrechtsverletzungen zu leiden hatten. Die bei derselben Aktion getötete Journalistin
war für die Moskauer Zeitung „Novaja Gazeta“ tätig, die für ihre auf Fakten
beruhende, regierungskritische
Berichterstattung bekannt ist.
Unser tiefes
Mitgefühl gilt den Familien, den Kollegen und Freunden der so hinterhältig
Getöteten.
Auch Ihnen, sehr geehrter
Herr Botschafter, ist bekannt, dass in den vergangenen Jahren immer wieder
russische Staatsbürger, die es gewagt hatten, aus begründeten Anlässen sich
mit der Staatsmacht anzulegen, den Mut, von ihren verfassungsmäßig garantierten
Grundrechten Gebrauch zu machen (z. B. vom Grundrecht der Meinungsfreiheit),
mit dem Leben haben bezahlen müssen. Eines der prominentesten Beispiele ist
die brutale Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006.
Diese Untat trägt dieselbe schändliche Handschrift wie der aktuelle
Mordanschlag vom 19. Januar 2009.
Im Interesse des
Rechtsstaates Russische Föderation und im Interesse des Ansehens Ihres großen
Landes im In- und Ausland erwarten wir, dass die zuständigen staatlichen
Organe ohne falsche Rücksichten alles Erforderliche tun, um den Täter und
seine kriminellen Hintermänner möglichst rasch zu ermitteln und sie ihrer
gerechten Strafe zuzuführen.
Eberhard Heyd
|
Premiere in Russland:
Hanse-Tage in Welikij Nowgorod
Aus Anlass des
1150-jährigen Stadtjubiläums finden die alljährlichen Hansetage im Jahre 2009
in Welikij Nowgorod statt – zum ersten
Mal überhaupt in Russland, zum 24. Mal in
der Neuzeit.
Vier Tage im Juni werden der Erinnerung
an diesen Handelsbund gewidmet sein, der im Mittelalter große ökonomische und
politische Macht besaß. Im niederländischen Zwolle wurde 1980 die Idee geboren,
die Tradition der jahrhundertealten Zusammenarbeit der beteiligten Städte
wiederzubeleben – heute gehören dem neuzeitlichen Hansebund mehr als 160 Städte
in 15 europäischen Ländern an. Seit 1993 ist Welikij Nowgorod darin aktives
Mitglied. Unter dem Motto "Die Grenzen erweitern" sollen die Gäste
der diesjährigen Hansetage vom 18. – 21. Juni 2009 in Welikij Nowgorod ihre
Kenntnisse über die beteiligten Orte erneuern und vertiefen: der Hansemarkt
stellt die heutigen Teilnehmer vor, während der Historische Basar im Kreml und
auf dem Jaroslav-Hof Einblicke in ihre vielfältig-bunte Geschichte und Kultur
erlaubt. Über Fragen der aktuellen ökonomischen Zusammenarbeit wird ein
Internationales Forum debattieren.
Die Adressen unseres Vorstands
Karin Clasmeier, Bossestr. 21, 33615 Bielefeld, Tel. 173 502 oder 9 216 325
Christel Franzen, Kupferheide 39a, 33649 Bielefeld, Tel. 451 102
Eberhard Heyd, Bodelschwinghstr. 87, 33647 Bielefeld, Tel. 412 233
Brunhild Hilf, Schelpsheide 12, 33613 Bielefeld, Tel. 889 282
Kirsten Hartmann, Oelmühlenstr. 105, 33604 Bielefeld, Tel. 1 369 528 oder 68 294
(Apotheke)
Werner Matthes, Babenhauser Str. 30, 33619 Bielefeld, Tel. 892 364 (privat)
oder 86 039 (8 – 17 Uhr)
William Rotsel, Spandauer Allee 16, 33619 Bielefeld, Tel. 105 668
Ulrike von Savigny, Auf der Hufe 23, 33613 Bielefeld, Tel. 886 414
Michael Schräder, Leiblstr. 99, 33615 Bielefeld, Tel. 882 909
Herausgeber: Kuratorium Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod
e. V.
Brunhild Hilf - Schelpsheide 12 -
33613 Bielefeld
Redaktion: Brunhild und Rebecca Hilf
Konto
des Kuratoriums: Sparkasse Bielefeld BLZ 480 501 61, Kto.-Nr. 114041
Zum Rundbrief Nr. 65 vom November
2008
Zum Rundbrief Nr. 64 vom
Juni 2008
Zum Rundbrief Nr. 63 vom
Februar 2008
Zum
Rundbrief Nr. 62 vom November 2007
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